Der Abend

Elisabeth Kulmann

unbekannt

Die Sonne ruht im Schooße Des wellenlosen Meeres. Ein weiter Purpurteppich Bedeckt die Ruhestätte Der Herrscherin des Weltalls. Tieftrauernd schweigt die ganze Natur umher, und leget Ihr Feierkleid von reichen Und mannichfachen Farben Von sich, und Wald und Wiese, Und Berg und Thal umhüllet Derselbe Flor der Trauer. Gleich einer Leichenkerze Glimmt bleich des Mondes Sichel Bei der erhabnen Todten Einsamen Stätte. Oder Ist dies vielleicht ihr jüngstes Unmündig Kind, das trostlos Dem Grab der Mutter nahet, Um freien Lauf zu lassen Der Schwermuth herben Thränen?

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Illustration zu Der Abend

Interpretation

Das Gedicht "Der Abend" von Elisabeth Kulmann beschreibt den Sonnenuntergang als eine Art Abschiedsritual, bei dem die Sonne, die Herrscherin des Weltalls, in das meerartige Dunkel sinkt. Die Natur um sie herum verstummt und legt ihr buntes Gewand ab, um sich in Trauer zu hüllen. Die Szene wird als feierlich und tief traurig dargestellt, fast wie eine Beerdigung. Der zweite Teil des Gedichts vergleicht den Mond mit einer Leichenkerze, die neben dem einsamen Grab der Sonne leuchtet. Es wird eine mögliche Interpretation angedeutet, dass der Mond das jüngste, unmündige Kind der Sonne sein könnte, das traurig zum Grab der Mutter kommt, um seine schweren Tränen fließen zu lassen. Diese Interpretation verstärkt die emotionale Intensität des Gedichts und verleiht dem natürlichen Phänomen des Sonnenuntergangs eine tiefe, menschliche Tragik. Insgesamt vermittelt das Gedicht eine Stimmung von tiefem Ernst und Trauer, die den Übergang vom Tag zur Nacht als einen feierlichen, fast zeremoniellen Akt darstellt. Die Verwendung von Metaphern und Symbolen wie dem Meer, dem Purpurteppich und der Leichenkerze verstärkt die emotionale Wirkung und verleiht dem Gedicht eine zeitlose, universelle Bedeutung.

Schlüsselwörter

sonne ruht schooße wellenlosen meeres weiter purpurteppich bedeckt

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Stilmittel

Hyperbel
[Ein weiter Purpurteppich bedeckt die Ruhestätte]
Rhetorische Frage
[Oder ist dies vielleicht ihr jüngstes unmündig Kind, das trostlos dem Grab der Mutter nahet?]
Symbolik
[Purpurteppich als Symbol für den Abendhimmel Leichenkerze als Symbol für den Mond Feierkleid als Symbol für die Farbenpracht des Tages]
Vergleich
[Gleich einer Leichenkerze glimmt bleich des Mondes Sichel]