Der 51. Psalm
1889Herr, richte dein Gemüthe, Nach deiner grossen Güte Und nicht nach meiner That; Laß meine schwere Sünden Barmhertzigkeit empfinden, Die keine Masse hat.
Geuß über meinen Schaden Die Ströme der Genaden Und wasch ihn klar und rein: O wasche meine Glieder, Mein Gott, und laß mich wieder Von Lastern sauber seyn.
Ich muß bestehen und sprechen, Es klage mein Verbrechen Mich selber bey mir an. Wohin ich mich will wenden, Vermein ich, aller Enden Sey diß, was ich gethan.
Wormit ich mich beflecket, In was für Schuld gestecket, Das weissest du allein, Du thust mir recht mit Schelten, Mit Straffen und Vergelten, Und dein Gericht ist rein.
Ich bin ein Mensch, bin kommen, Von Boßheit eingenommen, Auff dieser Erden Reich; Die meiner ist genesen Empfieng im Sündenwesen, Trug Schuld und mich zugleich.
Du aber, dem für allen Die Warheit ein Gefallen, Die auß dem Hertzen geht, Du wilt mich wissen lassen, Die Weißheit recht zu fassen, Was in dem Grunde steht.
Besprenge mein Gemüthe Mit Isop deiner Güte, So bin ich klar und rein; Herr, wasche mich, zu werden So weiß als je auff Erden Ein neuer Schnee mag seyn.
Laß deinen Trost mich lehren, Die Ohren Wonne hören, Auff meiner Schulden Last, Laß Freuden mich durchdringen Und die Gebeine springen, Die du zermalmet hast.
Ach, drücke für den Sünden, So deinen Zorn entzünden, Die strengen Augen zu; Der meinen Missethaten Durch Tilgung werde rathen, Das sey genädig du.
Ein reines Hertz, ein Leben, Das dir allein ergeben, O Schöpffer, schaffe mir, Gib mir die neuen Sinnen, Die dich nur lieb gewinnen, Dir folgen für und für.
Nicht kehre mir den Rücken, Laß ja dein Antlitz blicken Als meiner Seelen Liecht; Mit deinem heil′gen Geiste, Dem ich Gehorsamb leiste, Verlaß mich nimmer nicht.
Die Freude deines Heiles, Der Seelen besten Theiles, Laß wider zu mir ein; Dein freyer Geist mich führe, Mein gantzes Thun regiere, Von Lastern frey zu seyn.
Dann will ich nachmals zeigen Zu gehn auff deinen Steigen Der Uebelthäter Schar, So wird auch aller Enden Der Sünder Volck sich wenden Auff dich zu gantz und gar.
Das Blut, so mich beflecket, Das werde ja verdecket, O Gott, mein Heil, von dir: Auff daß von meiner Zungen Dir werde Lob gesungen Und deiner Güte Zier.
Laß, Herr, durch reichen Segen Sich meine Lippen regen, Brich auff den blöden Mund, So wird durch seine Lehre Dein werthes Lob und Ehre An allen Orten kund.
Ich ehrte dich mit Thieren, Doch Rauch zum Himmel führen, Ist nichts für dir als Rauch; Das arme Vieh verbrennen, Heist bey dir, recht zu nennen, Mehr nicht, als nur Gebrauch.
Das Opffer, so du liebest, Dem du die Augen giebest, Ist ein zermalmter Sinn; O Herr, du wirst die Schmertzen Deß gar zerknirschten Hertzen Nicht stossen von dir hin.
Du wollest, Herr, erfüllen Mit Glück auß gutem Willen Dein Sion, deine Statt: Laß dein Gemüthe schauen, Jerusalem zu bauen, Die dich zum Stiffter hat.
Dann wirstu nach Genügen Gerechtes Opffer kriegen Auß vieler Art und Schaar: Dann wird man Farren bringen, Jedoch für allen Dingen Das Hertz auff dein Altar.
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Interpretation
Das Gedicht "Der 51. Psalm" von Martin Opitz ist eine tiefgründige Reflexion über Sünde, Reue und die Sehnsucht nach Erlösung. Der Sprecher bittet Gott inständig um Vergebung für seine schweren Sünden und betont, dass Gottes Barmherzigkeit grenzenlos sein soll. Er fleht darum, von seinen Verfehlungen gereinigt zu werden, und vergleicht dies mit dem Wunsch, so weiß wie neuer Schnee zu werden. Der Text zeigt ein tiefes Bewusstsein für die eigene Schuld und die Erkenntnis, dass nur Gott die wahre Weisheit und Vergebung gewähren kann. Im weiteren Verlauf des Gedichts drückt der Sprecher den Wunsch aus, ein reines Herz und ein neues Leben zu erhalten, das ganz Gott gewidmet ist. Er bittet darum, nicht von Gott verlassen zu werden und sehnt sich nach der Freude des Heils. Der Text unterstreicht die Bedeutung von innerer Reue und einem zerknirschten Geist als wahre Opfergabe, anstatt äußerer Rituale. Der Sprecher verspricht, nach seiner Erlösung andere auf den rechten Weg zu führen und Gottes Lob zu verkünden. Das Gedicht schließt mit der Hoffnung auf das Wohl Jerusalems und die Erfüllung von Gottes Willen. Der Sprecher erkennt an, dass wahre Opfergaben von Herzen kommen und Gott gefallen, und er betet für das Gedeihen von Gottes Stadt. Insgesamt ist das Gedicht eine bewegende Bitte um Vergebung, Reinigung und die Erneuerung des Geistes, die die tiefe spirituelle Sehnsucht des Sprechers nach einer engeren Beziehung zu Gott widerspiegelt.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Geuß über meinen Schaden
- Anapher
- Laß deinen Trost mich lehren, Die Ohren Wonne hören
- Bildsprache
- Das hertz auff dein Altar
- Hyperbel
- Mit Glück auß gutem Willen
- Kontrast
- Dann wird man Farren bringen
- Metapher
- Das Opffer, so du liebest
- Personifikation
- Du wirst die Schmertzen Deß gar zerknirschten Hertzen Nicht stossen von dir hin
- Synästhesie
- Laß Freuden mich durchdringen