Der 24ste Jänner in Berlin

Gotthold Ephraim Lessing

1729

Welch leichter Morgentraum ließ, auf den heil′gen Höhen, Der Musen Fest um Friedrichs Bild Mich bei Aurorens Glanz mit frommem Schauer sehen, Der noch, der noch die Seele füllt.

Ein Traum? nein, nein, kein Traum. Ich sah mit wachem Sinne, Die Musen tanzten darum her. Wach ward ich nah dabei Cäsars und Solons inne, Doch keinen, daß er neidisch wär′.

Ein süßer Silberton durchzitterte die Lüfte, Bis in des Ohres krummen Gang; Die Blumen brachen auf, und streuten Balsamdüfte; Der Berg lag lauschend; Klio sang:

»Heil dir! festlicher Tag, der unsern Freund geboren. Ein König, Schwestern, unser Freund! Heil dir! uns neues Reich, zum Schauplatz ihm erkoren, Dem frommen Krieger, niemands Feind.

Laßt freudig um sein Bild, voll Majestät in Blicken, Der Tänze Hieroglyphen ziehn! Einst, Schwestern, tanzen wir, mit trunkenerm Entzücken, Einst, freut euch, tanzen wir um ihn!«

Einst tanzen wir um ihn? Prophetin banger Schrecken! Nie werde dieses Wort erfüllt! Nie mög′ ein Morgenrot zu diesem Glück euch wecken! Tanzt, Musen, ewig um sein Bild!

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Illustration zu Der 24ste Jänner in Berlin

Interpretation

Das Gedicht "Der 24ste Jänner in Berlin" von Gotthold Ephraim Lessing beschreibt einen festlichen Tag zu Ehren Friedrichs des Großen, des preußischen Königs. In einem traumähnlichen Zustand sieht der Dichter die Musen um das Bild Friedrichs tanzen und feiern. Die Musen preisen ihn als frommen Krieger und König, der niemandem feindlich gesinnt ist. Sie tanzen um sein Bild und versprechen, dass sie eines Tages in noch größerer Ekstase um ihn tanzen werden. Die Interpretation des Gedichts liegt in der Verehrung und Anerkennung Friedrichs des Großen als herausragender Herrscher und Förderer der Künste. Lessing stellt Friedrich als Ideal eines aufgeklärten Monarchen dar, der sowohl militärisch als auch kulturell erfolgreich ist. Die Musen symbolisieren die Künste und Wissenschaften, die unter Friedrichs Herrschaft blühten. Das Gedicht ist eine Hommage an den König und seine Leistungen, die von Lessing in höchsten Tönen gelobt werden. Die letzte Strophe des Gedichts enthält jedoch einen Hauch von Melancholie und Vorahnung. Die Musen prophezeien, dass sie eines Tages um Friedrichs Bild tanzen werden, was als Anspielung auf seinen Tod verstanden werden kann. Lessing drückt die Hoffnung aus, dass dieser Tag nie kommen möge und die Musen ewig um das Bild des Königs tanzen können. Das Gedicht ist somit nicht nur eine Huldigung, sondern auch eine Reflexion über die Vergänglichkeit und die Sehnsucht nach Unsterblichkeit durch die Künste.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Metapher
Nicht möge ein Morgenrot zu diesem Glück euch wecken
Personifikation
Der Berg lag lauschend