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Den Zukunftschwärmern

Von

Ein neues Leben, meint ihr, wird beginnen,
Wenn vor dem Licht, das eifrig ihr entfachtet,
Der Wahn, von dem die Welt jetzt noch umnachtet,
Wie Nebel vor der Sonne wird zerrinnen?

»Weht einst der Freiheit Banner von den Zinnen,
»Wird Jeder einst dem Andern gleich geachtet,
»Dann flieht der Schmerz, in dem die Menschheit schmachtet,
»Flieht alle Qual und alle Noth von hinnen.«

Vermeßt euch nicht zu viel! Ob, muthgeschwellt,
Im Kampfe wider Pfaffen und Tyrannen,
Ihr einst die letzte ihrer Burgen fällt:

Der Schmerz, er flieht darum doch nicht von dannen,
Es wäre denn ihr könntet aus der Welt
Der Leidenschaft Dämonen auch verbannen.

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Gedicht: Den Zukunftschwärmern von Betty Paoli

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Den Zukunftschwärmern“ von Betty Paoli ist eine kritische Auseinandersetzung mit den Utopien der Zeit und insbesondere mit den Erwartungen derer, die in revolutionären Umbrüchen die Lösung aller Probleme erblickten. Paoli hinterfragt die Vorstellung einer besseren Zukunft, die durch politische Veränderungen allein herbeigeführt werden könnte, und lenkt den Blick auf tieferliegende, menschliche Konstanten.

In den ersten acht Versen werden die Träume der „Zukunftschwärmer“ dargestellt. Sie glauben an ein neues Leben, das mit dem Verschwinden des „Wahns“ und der „Umnachtung“ der Welt beginnt. Freiheit, Gleichheit und das Ende von Schmerz und Not werden versprochen. Paoli paraphrasiert diese optimistischen Visionen, indem sie die Ideale der Revolutionäre wiedergibt. Die rhetorische Frage zu Beginn und die direkt zitierten Ausrufe im zweiten Quartett unterstreichen die Überzeugung der Anhänger dieses neuen Zeitalters.

Die eigentliche Kritik Paolis beginnt im ersten Terzett. Sie warnt die Idealisten vor übertriebenen Hoffnungen und erinnert sie daran, dass selbst der Sturz von „Pfaffen und Tyrannen“ (also der religiösen und politischen Mächte) nicht automatisch zu einem besseren Leben führen wird. Die Zeile „Vermeßt euch nicht zu viel!“ ist ein Appell zur Bescheidenheit und zur realistischen Einschätzung der Möglichkeiten menschlichen Handelns.

Das Gedicht endet mit einer pessimistischen, aber eindringlichen Feststellung: Nur wenn es gelänge, „der Leidenschaft Dämonen“ aus der Welt zu verbannen, würde der Schmerz verschwinden. Damit deutet Paoli an, dass die eigentlichen Ursachen des menschlichen Leids in der menschlichen Natur selbst liegen – in den Leidenschaften, Begierden und Emotionen, die auch in einer idealen Gesellschaft nicht einfach verschwinden würden. Die eigentliche Revolution müsste also im Inneren des Menschen stattfinden, was weitaus schwieriger zu erreichen ist als politische Umwälzungen. Die Strophenform mit ihrem klaren Reimschema verstärkt die Argumentation, wobei die scheinbar einfache Sprache eine tiefgründige philosophische Botschaft verbirgt.

Weitere Informationen

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Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.