Den weinenden Philosophen
Ach, was macht ihr Bängerlinge
Vor der Zeit euch miserabel?
Wohl, wir sind nur Engerlinge
Für den großen Rabenschnabel:
Doch was ist, das kann genieren
Nur, solang‘ wir’s nicht vergessen –
Was uns frißt, vom Ignorieren
Wird es selber aufgefressen!
Hunderttausend Flammenstunden
Führen hunderttausend Schnäbel:
Und der Rabe ist verschwunden
Wesenlos im Feuernebel.
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Kurze Interpretation des Gedichts
Das Gedicht „Den weinenden Philosophen“ von Hanns von Gumppenberg ist eine philosophische Reflexion über die Natur des Leidens und die Überwindung von Negativität. Es beginnt mit einer rhetorischen Frage, die sich an pessimistische Zeitgenossen richtet: „Ach, was macht ihr Bängerlinge / Vor der Zeit euch miserabel?“ Diese einleitenden Verse deuten bereits die zentrale Thematik des Gedichts an, nämlich die Auseinandersetzung mit Angst, Sorge und dem Sinn des Lebens. Der Autor scheint hier eine kritische Haltung gegenüber Menschen einzunehmen, die sich durch Pessimismus lähmen lassen.
In der zweiten Strophe wird die Vergänglichkeit des Lebens thematisiert. Der Vergleich mit „Engerlingen / Für den großen Rabenschnabel“ evoziert ein Bild der Verwundbarkeit und der vorübergehenden Existenz. Die Metapher des Raben, der als Symbol des Todes oder der Zerstörung dienen kann, unterstreicht die Endlichkeit des Daseins. Jedoch wird dieser düsteren Perspektive gleich eine Gegenbewegung entgegengesetzt. Der Kern des Gedichts offenbart sich in den Zeilen: „Doch was ist, das kann genieren / Nur, solang‘ wir’s nicht vergessen“. Hier wird die Erkenntnis artikuliert, dass Leid und Negativität nur dann Macht über uns ausüben, wenn wir uns ihnen bewusst hingeben und sie nicht vergessen.
Die abschließende Strophe bietet einen hoffnungsvollen Ausblick und eine Lösung für das beschriebene Problem. Die „Hunderttausend Flammenstunden“ repräsentieren die Zeit, die vergeht und in der viele „Schnäbel“ (die negativen Einflüsse) auf uns einwirken. Doch das Entscheidende ist das „Ignorieren“. Indem wir uns nicht von diesen Einflüssen beherrschen lassen und uns stattdessen auf das Wesentliche konzentrieren, verwandelt sich der Rabe, das Symbol des Todes und der Negativität, in einen „Feuernebel“, der verschwindet. Dies deutet auf die transformative Kraft des Bewusstseins und die Möglichkeit, das Leid durch Erkenntnis und Akzeptanz zu überwinden.
Gumppenberg verwendet in diesem Gedicht eine einfache, aber wirkungsvolle Sprache, die von einem melancholischen Grundton geprägt ist. Die Bilder sind klar und einprägsam, und die Metaphern, wie der Rabe oder die Flammenstunden, tragen dazu bei, die philosophischen Ideen anschaulich zu vermitteln. Das Gedicht endet mit einer optimistischen Botschaft über die Fähigkeit des Menschen, über Negativität hinauszugehen und letztendlich eine innere Freiheit zu erlangen, indem er sich von den Zwängen der äußeren Welt befreit. Es ist eine Ermutigung, sich dem Leben mit Mut und Gelassenheit zu stellen.
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Lizenz und Verwendung
Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.