Den Kranken
1821Im Griechenlande, bei den großen Alten, Den geistig freien, pries man als beglückt Den Mann, dem von des Schicksals ernstem Walten Ein Leid voll Segen ward auf′s Haupt gedrückt. Nicht war dies kranke Lust an Schmerz und Wunden - Wo blühte schöner heitrer Sinn und Geist? Nein, Weisheit war es, welche tief empfunden, Wie ernst, bedeutsam, was da Leben heißt.
Nicht feig erliegen, selbstbewußt es tragen, Wie eine Freude nach der andern weicht, Kann er′s, der nie geübt sich im Entsagen, Dem Blüthen nur das Glück stets dargereicht? Ein hoher Segen aber ruht auf Schmerzen, Und, wie die Perl′ im dunklen Meeresschacht Sich formt und bildet, wächst im Menschenherzen Ein edler Schatz aus finstrer Leidensnacht.
Der Seele Ruhe, die sich still begnügend Nicht mehr, als ihr beschiednes Theil begehrt, Der freie Geist, der nie sich selbst belügend, Ein jedes Ding ermißt nach ächtem Werth, Und auch ein Herz voll Demuth und voll Liebe Und voll Geduld für sie, die schwächer sind, O, Perle reinster Menschlichkeit, wer bliebe Gern frei von Leid, wenn so man dich gewinnt?
O, Allen diesen Trost, die schwere Stunden Zu den Gesellen einer Noth gemacht: Wie manches Herz hat sich zurückgefunden Aus lautem Tag in stiller Leidensnacht. Von allen Kronen, die die Erde schmücken Ist eine einz′ge nur von ächtem Werth, Lass′ sie geduldig auf das Haupt dir drücken, Die Dornenkrone, die im Schmerz verklärt!
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Interpretation
Das Gedicht "Den Kranken" von Luise Büchner thematisiert die tiefe Bedeutung von Leid und Schmerz für die menschliche Seele. Büchner greift dabei auf die antike griechische Philosophie zurück, die den Menschen pries, der durch das Schicksal Leid erfuhr, da dies als ein Segen gesehen wurde. Sie betont, dass Weisheit und ein tieferes Verständnis des Lebens durch das Erleben von Schmerz erlangt werden können. Das Gedicht vermittelt die Idee, dass Leid nicht als etwas Negatives betrachtet werden sollte, sondern als eine Möglichkeit, innere Stärke und Reife zu entwickeln. In den folgenden Strophen vergleicht Büchner die Entwicklung der Seele durch Leid mit der Bildung einer Perle im dunklen Meeresschacht. Sie beschreibt, wie ein edler Schatz in der menschlichen Seele wächst, wenn man durch die "finstere Leidensnacht" geht. Büchner betont die Ruhe der Seele, die sich mit ihrem Schicksal zufrieden gibt, den freien Geist, der alles nach seinem wahren Wert beurteilt, und das demütige und liebevolle Herz, das Geduld für die Schwächeren aufbringt. Diese Eigenschaften werden als Perle reinster Menschlichkeit dargestellt, die es wert ist, durch Leid erworben zu werden. Im letzten Teil des Gedichts richtet Büchner einen Trost an alle, die schwere Stunden durchleben. Sie ermutigt dazu, das Leid als Gefährten in der Not anzunehmen und betont, dass viele Menschen durch die "stille Leidensnacht" wieder zu sich selbst gefunden haben. Büchner schließt mit der Metapher der Dornenkrone, die als einzig wahrer Kranz der Erde gilt. Sie fordert dazu auf, diese Krone geduldig zu tragen, da sie durch den Schmerz verklärt wird und somit einen höheren Wert besitzt als alle anderen irdischen Kronen.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Weisheit war es, welche tief empfunden
- Hyperbel
- Ein hoher Segen aber ruht auf Schmerzen
- Kontrast
- Aus lautem Tag in stiller Leidensnacht
- Metapher
- Der Seele Ruhe
- Personifikation
- Das Herz hat sich zurückgefunden
- Symbolik
- Die Dornenkrone, die im Schmerz verklärt
- Vergleich
- Wie eine Freude nach der andern weicht