Den Frauen

Louise Franziska Aston

1871

Ihr richtet streng, der Sitte heil′ge Vehm′, Und schleudert auf mein Haupt das Anathem! Mögt ihr zu Boden stürzen eure Kerzen Und schlagen an die Brust, so tugendreich: Ich fühl′ es mächtig in dem tiefsten Herzen, Daß meine Sünde eurer Tugend gleich.

Der Unschuld Lilien mögen euch umblühn, Das Roth der Schaam auf euern Wangen glühn; Wie Schwäne sich auf stillen Fluthen schaukeln, Gefühle still durch eure Seele ziehn; Wie Falter neckend durch die Blumen gaukeln, Der Liebe Wünsche leis′ vorüberfliehn!

Quält euch ein flammend Sehnen fessellos, Mögt ihr entsagen stolz und seelengroß; Mögt still verzehren eure heiße Jugend, Auskämpfen ritterlich den heil′gen Krieg, Und mit dem Vollmachtsbriefe eurer Tugend Dem Tod, der Hölle nehmen ihren Sieg!

Ich achte dennoch eure Tugend nicht, Verwerfe kühn eu′r heiliges Gericht! Seid des Gesetzes Hort, der Sitte Rächer, Des frommen Glaubens treuer Genius! Es lebt ein heil′ger Geist auch im Verbrecher. Der Freie sündigt, weil er sünd′gen muß!

Das Leben auch verlangt sein mächtig Recht, Verlaßt des starren Wortes todten Knecht; Aus edlem Feuer flossen meine Sünden, Aus Drang des Herzens, glüh′nder Leidenschaft. Für sie würd′ ich schon hier Vergebung finden, Die Zeugen meines Werthes, meiner Kraft.

Entsagen ist der Nonne Stolz und Ruhm, Beglücken ist des Weibes Heiligthum, Ihr wollt mühsam die Ewigkeit ergründen, Mir lächelt sie aus jedem Augenblick; Ihr wollt das Glück in eurer Tugend finden, Ich finde meine Tugend nur im Glück.

Wenn mich der Liebe Flammen heiß umsprühn, Will ich in sel′gem Feuertod verglühn; Doch aus den Gluthen steig′ ich neugeboren, Wie sich der Phönix aus der Asche schwingt, Geläutert ward mein Wesen - nicht verloren, Zu neuem, heil′gem Liebesglück verjüngt.

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Illustration zu Den Frauen

Interpretation

Das Gedicht "Den Frauen" von Louise Franziska Aston ist ein mutiges Plädoyer für die Freiheit der Liebe und gegen die rigiden moralischen Konventionen ihrer Zeit. Aston verteidigt ihre Sichtweise, dass Sünde und Tugend gleichwertig sein können, wenn sie aus echten Gefühlen und Leidenschaft entstehen. Sie stellt die gesellschaftlichen Normen in Frage, indem sie behauptet, dass selbst Verbrecher einen "heil'gen Geist" in sich tragen und dass der Freie sündigt, weil er es muss, was auf einen natürlichen, unvermeidlichen Drang hindeutet. Aston kontrastiert ihr eigenes Verständnis von Glück und Tugend mit dem der traditionellen Frauen ihrer Zeit. Während diese durch Entsagung und die Ergründung der Ewigkeit streben, findet Aston ihre Tugend im Glück und im Moment. Sie sieht die Erfüllung nicht in der Askese, sondern in der Fähigkeit, zu beglücken und geliebt zu werden. Dies ist ein radikaler Bruch mit den damaligen Vorstellungen von Weiblichkeit und Keuschheit. Das Gedicht endet mit einer kraftvollen Metapher des Phönix, der aus der Asche aufersteht. Aston deutet an, dass sie durch die Erfahrung der Liebe, selbst wenn sie als sündhaft angesehen wird, gereinigt und erneuert wird. Sie versteht ihre Leidenschaft nicht als Verlust, sondern als Transformation zu einem neuen, heiligen Liebesglück. Dies symbolisiert ihre Überzeugung, dass wahre Freiheit und Reinheit durch die Annahme und das Ausleben der eigenen Natur erreicht werden können, anstatt durch deren Unterdrückung.

Schlüsselwörter

tugend heil mögt sitte mächtig still liebe entsagen

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Quält euch ein flammend Sehnen fessellos
Anapher
Mögt ihr zu Boden stürzen eure Kerzen / Und schlagen an die Brust, so tugendreich: / Ich fühl' es mächtig in dem tiefsten Herzen, / Daß meine Sünde eurer Tugend gleich.
Hyperbel
Entsagen ist der Nonne Stolz und Ruhm, / Beglücken ist des Weibes Heiligthum
Metapher
Der Unschuld Lilien mögen euch umblühn, / Das Roth der Schaam auf euern Wangen glühn; / Wie Schwäne sich auf stillen Fluthen schaukeln, / Gefühle still durch eure Seele ziehn; / Wie Falter neckend durch die Blumen gaukeln, / Der Liebe Wünsche leis' vorüberfliehn!
Personifikation
Es lebt ein heil'ger Geist auch im Verbrecher. / Der Freie sündigt, weil er sünd'gen muß!