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Den Entschwundenen

Von

Den entschwundenen, nackten Zeiten bin ich so hold,
Da Phöbus die Säulen umwob mit lauterem Gold,
Da Mann und Weib ohne Lüge und schamhaftes Bangen
In heiter beweglichem Spiel durch das Leben gegangen,
Und – vom zärtlichen Licht umspielt und umflossen –
Ihrer edlen Leiber kraftvolle Schönheit genossen.
Als Cybele fruchtbar, verschwenderisch fast
Ihre Kinder nicht fühlte als drückende Last
Und wie eine Wölfin mit mütterlich drängenden Lüsten
Die ganze Erde getränkt an den schwellenden Brüsten,
Als der Mensch geschmeidig, voll siegreicher Pracht
Mit stolzem Recht sich zum König der Erde gemacht,
Und die edlen Früchte ohne Flecken und Schaden
Mit frischem und saftigem Fleisch zum Bisse geladen.

Will in unseren Tagen ein Dichter bewundernd schauen
Ursprüngliche Schönheit, da wo Männer und Frauen
In Nacktheit sich zeigen, da fühlt er die Freude entfliehen,
Da fühlt er den eisigen Frost seine Seele durchziehen
Vor dem düsteren Bild dieser Hässlichkeit,
Vor der Missgeburt, die nach Kleidern schreit!

O armselig Zerrbild, für Masken geschaffen!
Ihr mageren Rümpfe, ihr feisten, ihr schlaffen,
Die der Nützlichkeit Gott unerbittlich und fest
Schon als Kinder in eherne Windeln gepresst!
Ihr Frau′n, die ihr bleich seid wie wächserne Kerzen,
Die Wollust nagt euch am Leib und am Herzen,
Jungfraun, durch ererbte Sünden entweiht,
Ihr schleppt schon der Mutterschaft Hässlichkeit!

Wohl ist uns, die wir zum Untergang neigen,
andere Schönheit, den Eilten verschlossen, zu eigen,
Gesichter, drin glühendes Leiden brennt,
Darin man die Schönheit des Siechtums erkennt;
Diese Gabe jedoch, aus der Muse zögernden Händen
Soll uns, des Untergangs Kindern, die Blicke nicht blenden.
Wir huldigen tief und voll Leidenschaft
Der heiligen Jugend, der Jugend voll Klarheit und Kraft.
Deren Auge strahlend und klar wie die fliessende Quelle,
Die überall Leben spendet und sorglose Helle,
Die in des Himmels Leuchten, der Vögel Gesang,
Die Duft ist und Wärme und Farbe und Klang.

Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Gedicht: Den Entschwundenen von Charles-Pierre Baudelaire

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Den Entschwundenen“ von Charles-Pierre Baudelaire ist eine melancholische Reflexion über den Verlust ursprünglicher Schönheit und Unschuld. Es kontrastiert eine idealisierte Vergangenheit mit einer als verunstaltet und degeneriert empfundenen Gegenwart. Das Gedicht ist in drei Abschnitte gegliedert, die jeweils unterschiedliche Aspekte der Thematik beleuchten.

Der erste Teil beschreibt eine idealisierte Vergangenheit, in der die Menschen in Harmonie mit der Natur lebten. Baudelaire beschreibt eine Welt, in der Schönheit, Unschuld und körperliche Schönheit im Einklang standen. Phöbus, Cybele und die Fruchtbarkeit der Erde werden als Symbole für diese unbeschwerte und authentische Existenz verwendet. Die Menschen genossen das Leben ohne die Einschränkungen und Verdorbenheit, die er in der Gegenwart wahrnimmt. Baudelaire scheint eine Sehnsucht nach einer Zeit zu empfinden, in der die Menschen noch natürlich und unbefangen waren.

Der zweite Abschnitt des Gedichts stellt die Gegenwart dar, die Baudelaire als von Hässlichkeit, Verfall und Schein geprägt wahrnimmt. Er kritisiert die Künstlichkeit und die Zerrissenheit der modernen Gesellschaft. Die Menschen werden als „Zerrbilder“ und „Missgeburten“ beschrieben, die sich hinter Masken verstecken. Frauen werden als „bleich wie wächserne Kerzen“ dargestellt, verzehrt von Wollust und Sünden. Die Jugend, die einst unschuldig war, wird durch ererbte Sünden bereits entweiht. Baudelaire drückt in dieser Passage eine tiefe Enttäuschung und Verachtung für die Dekadenz seiner Zeit aus.

Der dritte Abschnitt des Gedichts bietet eine Art Trost für die „Kinder des Untergangs“. Baudelaire erkennt eine andere Art von Schönheit, die mit Leid und dem Zerfall verbunden ist. Er scheint sich in diesem Abschnitt damit abzufinden, dass er die ursprüngliche Schönheit nicht mehr finden kann. Er wendet sich stattdessen der Schönheit des Leids und der Sehnsucht nach der verlorenen Jugend zu. Die „heilige Jugend“ wird als Inbegriff von Klarheit, Kraft und Lebensfreude idealisiert, eine Sehnsucht nach dem ursprünglichen Ideal. Insgesamt drückt das Gedicht eine tiefe Melancholie und eine zwiespältige Haltung zur Schönheit und zum Verfall aus, typisch für Baudelaires Werk.

Weitere Informationen

Hier finden sich noch weitere Informationen zu diesem Gedicht und der Seite.

Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.