Den Entschwundenen

Charles-Pierre Baudelaire

1821

Den entschwundenen, nackten Zeiten bin ich so hold, Da Phöbus die Säulen umwob mit lauterem Gold, Da Mann und Weib ohne Lüge und schamhaftes Bangen In heiter beweglichem Spiel durch das Leben gegangen, Und – vom zärtlichen Licht umspielt und umflossen – Ihrer edlen Leiber kraftvolle Schönheit genossen. Als Cybele fruchtbar, verschwenderisch fast Ihre Kinder nicht fühlte als drückende Last Und wie eine Wölfin mit mütterlich drängenden Lüsten Die ganze Erde getränkt an den schwellenden Brüsten, Als der Mensch geschmeidig, voll siegreicher Pracht Mit stolzem Recht sich zum König der Erde gemacht, Und die edlen Früchte ohne Flecken und Schaden Mit frischem und saftigem Fleisch zum Bisse geladen.

Will in unseren Tagen ein Dichter bewundernd schauen Ursprüngliche Schönheit, da wo Männer und Frauen In Nacktheit sich zeigen, da fühlt er die Freude entfliehen, Da fühlt er den eisigen Frost seine Seele durchziehen Vor dem düsteren Bild dieser Hässlichkeit, Vor der Missgeburt, die nach Kleidern schreit!

O armselig Zerrbild, für Masken geschaffen! Ihr mageren Rümpfe, ihr feisten, ihr schlaffen, Die der Nützlichkeit Gott unerbittlich und fest Schon als Kinder in eherne Windeln gepresst! Ihr Frau′n, die ihr bleich seid wie wächserne Kerzen, Die Wollust nagt euch am Leib und am Herzen, Jungfraun, durch ererbte Sünden entweiht, Ihr schleppt schon der Mutterschaft Hässlichkeit!

Wohl ist uns, die wir zum Untergang neigen, andere Schönheit, den Eilten verschlossen, zu eigen, Gesichter, drin glühendes Leiden brennt, Darin man die Schönheit des Siechtums erkennt; Diese Gabe jedoch, aus der Muse zögernden Händen Soll uns, des Untergangs Kindern, die Blicke nicht blenden. Wir huldigen tief und voll Leidenschaft Der heiligen Jugend, der Jugend voll Klarheit und Kraft. Deren Auge strahlend und klar wie die fliessende Quelle, Die überall Leben spendet und sorglose Helle, Die in des Himmels Leuchten, der Vögel Gesang, Die Duft ist und Wärme und Farbe und Klang.

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Illustration zu Den Entschwundenen

Interpretation

Das Gedicht "Den Entschwundenen" von Charles-Pierre Baudelaire thematisiert die Sehnsucht nach einer vergangenen Zeit, in der Mensch und Natur in Harmonie lebten. Baudelaire beschreibt eine idyllische Epoche, in der die Menschen ohne Lüge und Schamhaftigkeit durch das Leben gingen und ihre edle Körperlichkeit genossen. Die Natur wurde als fruchtbar und verschwenderisch dargestellt, ohne die Last der Kinder zu spüren. Der Mensch herrschte mit stolzem Recht über die Erde und genoss die Früchte der Natur in ihrer Reinheit. Im Gegensatz dazu zeigt Baudelaire die Gegenwart als eine Zeit der Hässlichkeit und Verderbtheit. Er kritisiert die moderne Gesellschaft, in der die Menschen durch ihre Kleidung und ihre körperliche Verfassung entstellt sind. Die Frauen werden als blass und von Wollust gezeichnet dargestellt, während die Männer als magere, fette oder schlaffe Gestalten erscheinen. Baudelaire sieht in dieser Verderbtheit den Untergang der Menschheit. Trotzdem findet Baudelaire eine andere Art von Schönheit in der Gegenwart, die er als "Gesichter, drin glühendes Leiden brennt" beschreibt. Diese Schönheit des Siechtums ist jedoch nicht dazu da, die Menschen zu blenden, sondern vielmehr als eine Erinnerung an die Vergänglichkeit des Lebens zu dienen. Letztendlich huldigt Baudelaire der heiligen Jugend, die voller Klarheit und Kraft ist und deren Auge strahlend und klar wie eine fließende Quelle ist. Diese Jugend symbolisiert die Hoffnung auf eine bessere Zukunft und die Möglichkeit, die Harmonie zwischen Mensch und Natur wiederherzustellen.

Schlüsselwörter

schönheit voll leben edlen kinder erde fühlt hässlichkeit

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Stilmittel

Hyperbel
Cybele fruchtbar, verschwenderisch fast
Metapher
der Jugend voll Klarheit und Kraft
Personifikation
Da Phöbus die Säulen umwob
Vergleich
Deren Auge strahlend und klar wie die fliessende Quelle