Dem Könige von Preußen
1816(zum Kölner Dombaufest, 1842)
Mit Festgeläut, Standarten, Ehrenbogen, den König grüßt der königliche Rhein, wie glänzt der Strom, wie drängen sich die Wogen! Wie schaun die Ufer stolz und froh darein! Die Freude jauchzt aus tausend muntern Kehlen, und donnernd trägt der Widerhall sie fort; doch darf zum Guten nicht das Beste fehlen: das ist, o Herr, ein freies Wort!
Du kommst, o Fürst, zum Kölner Dombaufeste, mit eigner Hand den zweiten Grund zu weihn; sie rührten dich, der Vorzeit edle Reste, laut sprach zu dir das bröckelnde Gestein. Ein Wink von dir -, und die Gerüste steigen, sich widerspiegelnd in dem goldnen Strom, und was sich auch für Wetterwolken zeigen, fortbaun willst du den Kölner Dom.
Fortbaun, fürwahr! Da hast du es getroffen, das ist der Klang, der unserm Ohr gefällt, das ist es, das, was deine Völker hoffen, das ist die Losung der verjüngten Welt! Nicht Dome bloß, nicht Burgen und Paläste, Bau fort, o Herr, an einem andern Haus, bau fort, bau fort an einer andern Veste: Den Dom der Freiheit, bau ihn aus!
Fortbaun allein, fortbauen heißt Erhalten! Dieselbe Huld, die du dem Dom beschert, o laß sie auch im Vaterlande walten, auch dies, fürwahr, ist einen Grundstein wert. Dem Dome gleich, halb fertig, halb Ruine, erwartungsvoll steht unser teures Land: Es schaut dich an, es fleht mit stummer Miene - Auch ihm, auch ihm ein Wink der Hand!
Warum nicht ihm? Warum nur Steine tragen, nur Heil′ge meißeln, Wölbungen erbaun? Kein Herz wird dir in diesen Mauern schlagen, kein Auge wird aus diesen Säulen schaun. Dort aber kannst du Herzen dir entzünden, zum Tempel dort kannst du ein Volk dir weihn - O lockt′s dich nicht, den Tempel auch zu gründen, Bauherr der Freiheit auch zu sein?
Dem Krane gleich dort auf des Turmes Mauer, der regungslos manch ein Jahrhundert stand, so steht die Presse - steht in stummer Trauer, weil sie noch nicht die volle Freiheit fand. O laß auch sie, auch sie sich neu bewegen, wie du den Kran sich neu bewegen heißt, und wonnevoll, der ganzen Welt zum Segen, grüßt: Protectori! dich der Geist. -
Herr, zürne nicht! Wir wissen, was wir wollen, und daß wir′s frei bekennen, das ist Pflicht. Sieh, die Geschichte drängt! Die Räder rollen! Und wollt′ es Gott, Gott selber hielt′ sie nicht! Gib frei den Weg! Denn Freiheit ist das beste, du baust mit ihr zugleich den eignen Thron: So sprich das Wort zum zweiten Dombaufeste, sprich aus das Wort: Konstitution!
Das ist der Bau, zu welchem du berufen, auf diesen Säulen gründe sich dein Ruhm! Hier knie du mit uns auf denselben Stufen: denn auch die Freiheit ist ein Heiligtum. Paläste fallen, Dome können brechen, die Freiheit nur währt ewig, ewig fort, und ewig dann zu deinem Ruhm wir sprechen, das heut dich grüßt, das freie Wort!
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Interpretation
Das Gedicht "Dem Könige von Preußen" von Robert Eduard Prutz ist eine politische Ode, die anlässlich des Kölner Dombaufestes 1842 verfasst wurde. Der Dichter nutzt das Bauprojekt des Kölner Doms als Metapher für den Aufbau einer freien Gesellschaft und appelliert an den preußischen König, sich auch für die Freiheit und Verfassung im Land einzusetzen. In den ersten Strophen begrüßt der Dichter den König und beschreibt die festliche Atmosphäre am Rhein. Er betont die Bedeutung eines "freien Wortes" und weist darauf hin, dass der König durch den Anblick der Domruine zum Weiterbau bewegt wurde. Prutz fordert den König auf, nicht nur am Dom, sondern auch am "Dom der Freiheit" zu bauen und sich für die Rechte und Freiheiten des Volkes einzusetzen. Der Dichter vergleicht den Kölner Dom mit dem preußischen Staat, der ebenfalls "halb fertig, halb Ruine" sei und auf einen Wink des Königs wartet. Er argumentiert, dass der Bau von physischen Monumenten wie Dome und Palästen nicht ausreicht, wenn nicht auch die Herzen und der Geist der Menschen befreit werden. Prutz erwähnt die Presse als "Krane" und fordert deren Freiheit, um einen fortschrittlichen Geist in der Gesellschaft zu etablieren. Im letzten Teil des Gedichts appelliert Prutz direkt an den König, die "Geschichte drängt" und die Räder der Zeit rollen unaufhaltsam. Er argumentiert, dass Freiheit das Beste sei und dass der König durch die Gewährung von Freiheit und Verfassung (Konstitution) gleichzeitig seinen eigenen Thron festigt. Der Dichter schließt mit der Aussage, dass die Freiheit das einzige sei, was ewig währt, und dass das "freie Wort" den König heute grüße.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Wie glänzt der Strom, wie drängen sich die Wogen
- Anspielung
- Das Kölner Dombaufest als historischer Kontext
- Bildsprache
- Wie du den Kran sich neu bewegen heißt
- Direkte Ansprache
- O Herr, ein freies Wort!
- Hyperbel
- Die Freude jauchzt aus tausend muntern Kehlen
- Kontrast
- Nicht Dome bloß, nicht Burgen und Paläste, Bau fort, o Herr, an einem andern Haus
- Metapher
- Der Dom der Freiheit
- Personifikation
- Der Rhein grüßt den König
- Symbolik
- Der Dom als Symbol für Freiheit