Dem Censor
1876Manchen Priester kennt die Sage, der, ein Held genannt mit Fug, Durch die Welt das Wort der Wahrheit kühn und unaufhaltsam trug, Der im Königssaal gerufen: Pfui, ich witt’re Kerkerluft! Und es manch’ besterntem Heuchler laut gesagt: Du bist ein Schuft!
Wär’ ich solch ein Held der Wahrheit, mit dem Mönchkleid angethan, Alsbald an des Censors Wohnung trieb’ es mich zu pochen an; Und ich spräche zu dem Manne: »Erzschelm, sink’ aufs Knie zur Stell’! Denn du bist ein großer Sünder, beichte und bekenne schnell!«
»Und ich hör’ es schon im Geiste, wie er drauf in Unschuld spricht: Ihr’ Ehrwürden sind im Irrthum! der Gesuchte bin ich nicht! Ich versäume keine Messe, Amt und Pflicht verseh’ ich gut! Bin kein Hurer, Gottesläst’rer, Mörder, Dieb, ungläub’ger Jud’!
Doch aus mir dann bräche flammend der Begeist’rung Gluth hervor Wie durch Berg und Kluft der Donner, dröhnt’ ihm meine Stimm’ ans Ohr; Jeder Blick entflöge tödtend ihm als Pfeil ins Herz hinein, Jedes Wort, es müßt’ ein Hammer, der ihn ganz zermalme, sein:
Ja, du bist ein blinder Jude! denn du hast’s noch nicht erkannt, Daß des Geistes Freiheit glorreich als Messias uns erstand! Ja, du bist ein blut’ger Mörder! doppelt arg und doppelt dreist! Nur die Leiber tödtet jener, doch du mordest auch den Geist!
Ja, du bist ein Dieb, ein arger, oder noch viel schlimmer, traun! Obst vom Baum bei Nacht zu stehlen, schwingt sich jener übern Zaun; In des Menschengeistes Garten, schadenfroh mit einem Streich, Willst den ganzen Baum du fällen, Blüthe, Laub und Frucht zugleich!
Ja, du bist ein Ehebrecher! doch an Schande doppelt reich! Jener glüht und flammt fürs Schöne, blüht’s in fremdem Garten gleich; Für die schöne, stolze Sünde ist dein Herz zu klein, zu schmal! Und der Nacht und Nebel Dirne, die nur ist dein Ideal!
Ja, du bist ein Gottesläst’rer, oder ärger noch, bei Gott! Todte Holz- und Marmorbilder schlägt in Trümmer frech sein Spott! Deine Hand doch ist’s, die ruchlos das lebend’ge Bild zerschlägt! Das nach Gottes heil’gem Stempel Menschengeist hat ausgeprägt!
Ja, du bist ein großer Sünder! – Frei läßt irdisch Recht dich geh’n, Doch in deinem Busen drinnen Rad und Galgen mußt du seh’n, An die Brust drum schlage reuig, und dein Knie, es beuge sich! Thue Buß’! Aufs Haupt streu’ Asche! Zieh’ dahin, und beßre dich!«
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Interpretation
Das Gedicht "Dem Censor" von Anastasius Grün ist eine leidenschaftliche Anklage gegen die Zensur und ihre Vertreter. Der Sprecher imaginiert sich selbst als einen mutigen Wahrheitshelden, der den Zensor zur Rede stellt und ihn als großen Sünder bezeichnet. Er beschuldigt den Zensor, die Freiheit des Geistes zu unterdrücken, den menschlichen Geist zu ermorden, den Baum der Erkenntnis zu fällen und das lebendige Bild des menschlichen Geistes zu zerstören. Die Anklage des Sprechers ist geprägt von starken, bildhaften Ausdrücken und einem apodiktischen Ton. Er vergleicht den Zensor mit einem blinden Juden, einem blutigen Mörder, einem Dieb, einem Ehebrecher und einem Gotteslästerer. Diese Vergleiche sollen die Schwere der Verbrechen des Zensors unterstreichen und ihn als einen Feind der Menschheit und der göttlichen Ordnung darstellen. Der Sprecher fordert den Zensor auf, Buße zu tun und sich zu bessern, da er sich vor dem irdischen Recht entziehen kann, aber nicht vor seinem eigenen Gewissen. Das Gedicht ist ein Beispiel für die politische Lyrik des Vormärz, die sich gegen die Restauration und die Zensur wandte. Anastasius Grün, der eigentlich Anton Alexander Graf von Auersperg hieß, war ein liberaler Politiker und Dichter, der sich für die Pressefreiheit und die nationale Einheit einsetzte. Das Gedicht zeigt seine Kritik an der Zensur als einem Instrument der Unterdrückung und der Verhinderung von Fortschritt und Aufklärung. Es appelliert an die moralische Verantwortung des Zensors und ruft zur Verteidigung der geistigen Freiheit auf.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Doch du mordest auch den Geist
- Bildsprache
- In des Menschengeistes Garten, schadenfroh mit einem Streich
- Hyperbel
- Jeder Blick entflöge tödtend ihm als Pfeil ins Herz hinein
- Ironie
- Doch aus mir dann bräche flammend der Begeist'rung Gluth hervor
- Kontrast
- Nur die Leiber tödtet jener, doch du mordest auch den Geist
- Metapher
- Wär' ich solch ein Held der Wahrheit, mit dem Mönchkleid angethan
- Personifikation
- Jedes Wort, es müßt' ein Hammer, der ihn ganz zermalme, sein
- Rhetorische Frage
- Ihr' Ehrwürden sind im Irrthum! der Gesuchte bin ich nicht!
- Symbolik
- Thue Buß'! Aufs Haupt streu' Asche!
- Wiederholung
- Ja, du bist ein blinder Jude! ja, du bist ein blut'ger Mörder! ja, du bist ein Dieb, ein arger