Dein Lied ist rührend, edler Sänger
1819Dein Lied ist rührend, edler Sänger, Doch zürne dem Genossen nicht, Wird ihm darob das Herz nicht bänger, Das, dir erwidernd, also spricht:
“Die Poesie ist angeboren, Und sie erkennt kein Dort und Hier! Ja, ging die Seele mir verloren, Sie führ′ zur Hölle selbst mit mir.
Inzwischen sieht′s auf dieser Erde Noch lange nicht so graulich aus, Und manchmal scheint mir, dass das Werde! Ertön′ erst recht dem “Dichterhaus”.
Schon schafft der Geist sich Sturmesschwingen Und spannt Eliaswagen an; Willst träumend du im Grase singen, Wer hindert dich, Poet, daran?
Ich grüsse dich im Schäferkleide, Herfahrend - doch mein Feuerdrach′ Trägt mich vorbei, die dunkle Heide Und deine Geister schaun uns nach.
Was deine alten Pergamente Von tollem Zauber kund dir tun, Das seh′ ich durch die Elemente In Geistes Dienst verwirklicht nun.
Ich seh′ sie keuchend glühn und sprühen, Stahlschimmernd bauen Land und Stadt, Indes das Menschenkind zu blühen Und singen wieder Musse hat.
Und wenn vielleicht in hundert Jahren Ein Luftschiff hoch mit Griechenwein Durchs Morgenrot käm′ hergefahren Wer möchte da nicht Fährmann sein?
Dann bög′ ich mich, ein sel′ger Zecher, Wohl über Bord von Kränzen schwer, Und gösse langsam meinen Becher Hinab in das verlassne Meer.”
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Interpretation
Das Gedicht "Dein Lied ist rührend, edler Sänger" von Justinus Kerner thematisiert den Konflikt zwischen der romantischen Poesie und dem wissenschaftlich-technischen Fortschritt. Der Sprecher verteidigt die Poesie gegen den Vorwurf, sie sei angesichts der modernen Errungenschaften überflüssig geworden. Er betont, dass die Poesie angeboren ist und sich nicht an Orte und Zeiten bindet. Der Sprecher sieht die moderne Welt voller technischer Wunder und wissenschaftlicher Errungenschaften, die einst wie Zauberei erschienen. Doch er betont, dass gerade diese Errungenschaften der Menschheit mehr Muße und Raum zum Blühen und Singen geben. Die Poesie ist nicht überflüssig, sondern findet in der modernen Welt neue Nahrung und Inspiration. Abschließend malt der Sprecher eine utopische Zukunftsvision, in der er sich selbst als Fährmann eines Luftschiffs sieht, das mit Griechenwein durch das Morgenrot fährt. Diese Vision symbolisiert die Verschmelzung von Poesie, Technik und Lebensgenuss. Der Sprecher bekennt sich zu einer optimistischen Weltsicht, in der Poesie und Fortschritt Hand in Hand gehen und die Menschheit zu neuen Höhenflügen inspirieren.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Bildsprache
- Ich seh′ sie keuchend glühn und sprühen, Stahlschimmernd bauen Land und Stadt
- Hyperbel
- Ja, ging die Seele mir verloren, Sie führ′ zur Hölle selbst mit mir
- Kontrast
- Inzwischen sieht′s auf dieser Erde Noch lange nicht so graulich aus
- Metapher
- Dann bög′ ich mich, ein sel′ger Zecher, Wohl über Bord von Kränzen schwer
- Personifikation
- Die Poesie ist angeboren