Dein Antlitz

Hugo von Hofmannsthal

1874

Dein Antlitz war mit Träumen ganz beladen. Ich schwieg und sah dich an mit stummem Beben. Wie stieg das auf! Daß ich mich einmal schon In frühern Nächten völlig hingegeben

Dem Mond und dem zuviel geliebten Tal, Wo auf den leeren Hängen auseinander Die magern Bäume standen und dazwischen Die niedern kleinen Nebelwolken gingen

Und durch die Stille hin die immer frischen Und immer fremden silberweißen Wasser Der Fluß hinrauschen ließ - wie stieg das auf!

Wie stieg das auf! Denn allen diesen Dingen Und ihrer Schönheit - die unfruchtbar war - Hingab ich mich in großer Sehnsucht ganz, Wie jetzt für das Anschaun von deinem Haar Und zwischen deinen Lidern diesem Glanz!

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Illustration zu Dein Antlitz

Interpretation

Das Gedicht "Dein Antlitz" von Hugo von Hofmannsthal handelt von der intensiven Betrachtung eines geliebten Menschen und der Verbindung zwischen dieser gegenwärtigen Erfahrung und vergangenen Momenten der Selbstaufgabe in der Natur. Der Sprecher ist tief bewegt von dem Anblick des Antlitzes der geliebten Person, was ihn an frühere Nächte erinnert, in denen er sich dem Mond und einer geliebten Landschaft hingegeben hat. Diese Erinnerungen sind geprägt von einer melancholischen Schönheit, die jedoch unfruchtbar war und keine Erfüllung brachte. Die Naturbeschreibungen im Gedicht sind sehr bildhaft und evozieren eine Atmosphäre von Stille und Einsamkeit. Die "mageren Bäume" und "niedrigen kleinen Nebelwolken" sowie die "immer frischen und immer fremden silberweißen Wasser" des Flusses schaffen ein Bild von einer Landschaft, die sowohl vertraut als auch unerreichbar ist. Diese Naturbilder stehen in starkem Kontrast zur gegenwärtigen Betrachtung des geliebten Menschen, deren Haar und der Glanz zwischen den Lidern eine neue Form der Schönheit und Sehnsucht darstellen. Die Wiederholung des Satzes "Wie stieg das auf!" betont die Intensität der Erinnerungen und die plötzliche Erkenntnis der Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Der Sprecher erkennt, dass er sich in ähnlicher Weise der geliebten Person hingibt wie einst der Natur. Doch während die Natur schön, aber unfruchtbar war, birgt die gegenwärtige Erfahrung die Hoffnung auf eine erfüllendere Verbindung. Das Gedicht endet mit der Andeutung, dass die Betrachtung des Antlitzes der geliebten Person eine neue, möglicherweise erfüllendere Form der Hingabe und Sehnsucht ermöglicht.

Schlüsselwörter

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Wortwolke

Wortwolke zu Dein Antlitz

Stilmittel

Alliteration
Die immer frischen Und immer fremden silberweißen Wasser
Bildlichkeit
Die magern Bäume standen und dazwischen Die niedern kleinen Nebelwolken gingen
Enjambement
Ich schwieg und sah dich an mit stummem Beben. / Wie stieg das auf! Daß ich mich einmal schon
Kontrast
Die unfruchtbar war - Hingab ich mich in großer Sehnsucht ganz
Metapher
Dein Antlitz war mit Träumen ganz beladen
Personifikation
Die niedern kleinen Nebelwolken gingen
Vergleich
Wie jetzt für das Anschaun von deinem Haar
Wiederholung
Wie stieg das auf!