De profundis clamavi
Zu dir, du Einzige, soll mein Ruf erschallen
Aus tiefster Nacht, darin mein Herz versank.
Hier ist die Luft wie Blei, die Erde krank,
Und Fluch und Schauder durch das Dunkel wallen.
Sechs Monde schwebt die Sonne kalt und fahl,
Sechs Monde sind von eisiger Nacht umsponnen,
Es grünt kein Baum, kein Strauch, es rauscht kein Bronnen,
Auf Erden ist kein Land so tot und kahl.
Und nichts auf dieser Erde weit und breit
Gleicht jener kalten Sonne Grausamkeit,
Dem Chaos dieser ungeheuren Nacht.
Das niedre Tier selbst meinen Neid entfacht,
Dem dumpf in Schlaf gewälzt der Tag vergeht,
Wenn langsam sich der Zeiten Spindel dreht.
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Kurze Interpretation des Gedichts
Das Gedicht „De profundis clamavi“ von Charles Baudelaire ist ein ergreifender Ausdruck tiefster Verzweiflung und Isolation. Es beschreibt eine düstere, erstarrte Welt, in der das lyrische Ich sich in einer existenziellen Nacht gefangen sieht. Der Titel, ein Zitat aus Psalm 130 („Aus der Tiefe habe ich gerufen“), etabliert sofort eine Atmosphäre des Leidens und der Hoffnungslosigkeit, die im Verlauf des Gedichts intensiviert wird. Die „Einzige“, an die sich der Ruf richtet, bleibt im Unklaren, könnte aber eine geliebte Person, Gott oder das Ideal der Schönheit darstellen, nach der sich der Sprecher sehnt.
Die erste Strophe gibt den Ton an. Das Herz des Sprechers ist in eine tiefste Nacht versunken, eine Metapher für seelische Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit. Die Umgebung ist von Blei und Krankheit gezeichnet, wobei Fluch und Schauder durch die Dunkelheit geistern. Baudelaire erzeugt hier mit eindringlichen Bildern eine beklemmende Atmosphäre, die von physischer und psychischer Qual durchdrungen ist. Der Kontrast zwischen der Tiefe der Seele und der bedrückenden Umgebung verstärkt das Gefühl der Gefangenschaft und des Ausgeliefertseins.
Die zweite Strophe beschreibt die Jahreszeit als eine ewige, kalte Winterlandschaft. Die Sonne ist blass und kalt, die Natur ist erstarrt, es gibt weder Leben noch Bewegung. Diese Beschreibung ist nicht nur eine Naturschilderung, sondern auch ein Spiegel der inneren Verfassung des Sprechers. Die Abwesenheit von Leben, Grün und fließendem Wasser verstärkt das Gefühl der Leere und Isolation. Baudelaire verwendet hier eindrucksvolle Bilder, um die Eintönigkeit und Tristesse der inneren und äußeren Welt zu verdeutlichen, die den Sprecher umgibt.
Die dritte Strophe unterstreicht die Grausamkeit und das Chaos, das die Welt des Sprechers beherrscht. Die Beschreibung der kalten Sonne und der ungeheuren Nacht dient als Metapher für eine Welt ohne Hoffnung und Sinn. Sogar das niedere Tier, das seinen Tag in Schlaf verbringt, erregt Neid. Diese Zeilen offenbaren einen tiefen Abgrund der Verzweiflung. Das lyrische Ich wünscht sich den Zustand des unbewussten Schlafes herbei, um der qualvollen Realität zu entfliehen. Die „Zeiten Spindel“ suggeriert dabei, dass das Leid unaufhörlich und endlos ist.
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Lizenz und Verwendung
Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.