David singt vor Saul
1907I
König, hörst du, wie mein Saitenspiel Fernen wirft, durch die wir uns bewegen: Sterne treiben uns verwirrt entgegen, und wir fallen endlich wie ein Regen, und es blüht, wo dieser Regen fiel.
Mädchen blühen, die du noch erkannt, die jetzt Frauen sind und mich verführen; den Geruch der Jungfraun kannst du spüren, und die Knaben stehen, angespannt schlank und atmend, an verschwiegnen Türen.
Daß mein Klang dir alles wiederbrächte. Aber trunken taumelt mein Getön: Deine Nächte, König, deine Nächte -, und wie waren, die dein Schaffen schwächte, o wie waren alle Leiber schön.
Dein Erinnern glaub ich zu begleiten, weil ich ahne. Doch auf welchen Saiten greif ich dir ihr dunkles Lustgestöhn; - II
König, der du alles dieses hattest und der du mit lauter Leben mich überwältigest und überschattest: komm aus deinem Throne und zerbrich meine Harfe, die du so ermattest.
Sie ist wie ein abgenommner Baum: durch die Zweige, die dir Frucht getragen, schaut jetzt eine Tiefe wie von Tagen welche kommen -, und ich kenn sie kaum.
Laß mich nicht mehr bei der Harfe schlafen; sieh dir diese Knabenhand da an: glaubst du König, daß sie die Oktaven eines Leibes noch nicht greifen kann? III
König, birgst du dich in Finsternisssen, und ich hab dich doch in der Gewalt. Sieh, mein festes Lied ist nicht gerissen, und der Raum wird um uns beide kalt. Mein verwaistes Herz und dein verworrnes hängen in den Wolken deines Zornes, wütend ineinander eingebissen und zu einem einzigen verkrallt.
Fühlst du jetzt, wie wir uns umgestalten? König, König, das Gewicht wird Geist. wenn wir uns nur aneinander halten, du am Jungen, König, ich am Alten, sind wir fast wie ein Gestirn das kreist.
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Interpretation
Das Gedicht "David singt vor Saul" von Rainer Maria Rilke handelt von einem musikalischen Auftritt Davids vor König Saul. David spielt auf seiner Harfe und besingt dabei die Schönheit der Vergangenheit, die Jugend und die Frauen, die Saul einst kannte. Doch Saul ist davon nicht ergriffen, sondern fühlt sich nur noch mehr in seiner Trauer und Verzweiflung bestätigt. David versucht vergeblich, Saul zu erreichen und zu trösten, doch dieser bleibt in seiner Dunkelheit gefangen. Am Ende verschmelzen David und Saul zu einer Einheit, die wie ein Gestirn kreist und sich langsam verwandelt. Das Gedicht ist in drei Teile gegliedert, die jeweils mit einer Anrede an Saul beginnen. Im ersten Teil besingt David die ferne Vergangenheit, die Sterne und den Regen, der alles zum Blühen bringt. Er erinnert Saul an die Mädchen, die er einst kannte und die jetzt Frauen sind, an den Geruch der Jungfrauen und an die schlanken Knaben, die an den Türen stehen. Im zweiten Teil bittet David Saul, seine Harfe zu zerbrechen, weil sie ihn zu sehr an die Vergangenheit erinnert. Er vergleicht die Harfe mit einem Baum, der seine Früchte abgeworfen hat und nun eine Tiefe wie von kommenden Tagen zeigt. Im dritten Teil erkennt David, dass er Saul in seiner Gewalt hat, weil sein Lied nicht gerissen ist. Beide hängen in den Wolken von Sauls Zorn und beißen sich wütend ineinander. Doch wenn sie sich nur aneinander halten, können sie sich verwandeln und wie ein Gestirn kreisen. Das Gedicht ist eine Auseinandersetzung mit dem Thema Alter und Jugend, Vergangenheit und Gegenwart, Leben und Tod. David steht für die Jugend, die Kraft und die Kreativität, Saul für das Alter, die Trauer und die Verzweiflung. David versucht, Saul mit seiner Musik zu erreichen und ihm die Schönheit der Welt zu zeigen, doch Saul ist davon nicht berührt. Er ist in seiner Dunkelheit gefangen und kann die Vergangenheit nicht loslassen. Doch am Ende verschmelzen beide zu einer Einheit, die sich langsam verwandelt. Das Gedicht endet mit der Hoffnung, dass aus dem Tod neues Leben entstehen kann, wenn man sich nur aneinander hält.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Fühlst du jetzt, wie wir uns umgestalten?
- Hyperbel
- Mein verwaistes Herz und dein verworrnes
- Metapher
- Gewicht wird Geist
- Personifikation
- Fühlst du jetzt, wie wir uns umgestalten?