Dauer im Wechsel
1806Hielte diesen frühen Segen, Ach, nur eine Stunde fest! Aber vollen Blütenregen Schüttelt schon der laue West. Soll ich mich des Grünen freuen, Dem ich Schatten erst verdankt? Bald wird Sturm auch das zerstreuen, Wenn es falb im Herbst geschwankt.
Willst du nach den Früchten greifen, Eilig nimm dein Teil davon! Diese fangen an zu reifen, Und die andern keimen schon; Gleich mit jedem Regengusse Ändert sich dein holdes Tal, Ach, und in demselben Flusse Schwimmst du nicht zum Zweitenmal.
Du nun selbst! Was felsenfeste Sich vor dir hervorgetan, Mauern siehst du, siehst Paläste Stets mit andern Augen an. Weggeschwunden ist die Lippe, Die im Kusse sonst genas, Jener Fuß, der an der Klippe Sich mit Gemsenfreche maß.
Jene Hand, die gern und milde Sich bewegte, wohlzutun, Das gegliederte Gebilde, Alles ist ein andres nun. Und was sich an jener Stelle Nun mit deinem Namen nennt, Kam herbei wie eine Welle, Und so eilt′s zum Element.
Laß den Anfang mit dem Ende Sich in eins zusammenzieh′n! Schneller als die Gegenstände Selber dich vorüberflieh′n. Danke, daß die Gunst der Musen Unvergängliches verheißt: Den Gehalt in deinem Busen Und die Form in deinem Geist.
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Interpretation
Das Gedicht "Dauer im Wechsel" von Johann Wolfgang von Goethe thematisiert die Vergänglichkeit der Natur und des menschlichen Lebens sowie die Unmöglichkeit, Momente festzuhalten. Es beginnt mit der Betrachtung der vergänglichen Schönheit der Natur, die sich ständig wandelt und erneuert. Der Sprecher reflektiert darüber, dass man die Früchte des Lebens genießen und dankbar für die Gaben der Musen sein sollte, die Unvergängliches versprechen. Im zweiten Teil des Gedichts wendet sich der Sprecher sich selbst zu und erkennt, dass auch er selbst im Wandel begriffen ist. Körperliche Merkmale und Eigenschaften verändern sich im Laufe der Zeit, und der Mensch selbst ist wie eine Welle, die zum Element zurückkehrt. Der Sprecher fordert sich selbst auf, den Anfang mit dem Ende zusammenzuführen und sich bewusst zu sein, dass das Leben schnell vorbeigeht. Das Gedicht schließt mit der Aufforderung, dankbar für die Gaben der Musen zu sein, die Unvergängliches versprechen. Der Sprecher betont die Bedeutung von inneren Werten wie dem Gehalt im Busen und der Form im Geist, die über die Vergänglichkeit des äußeren Lebens hinaus Bestand haben.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Metapher
- Den Gehalt in deinem Busen Und die Form in deinem Geist
- Personifikation
- Soll ich mich des Grünen freuen, Dem ich Schatten erst verdankt?