Dauer der Scribenten

Friedrich von Hagedorn

1724

Mein Cleon, Jahr′ und Zeiten fliehen; Wie bald sind wir des Moders Raub! Wie bald sind wir und alles Staub, Was wir mit regem Kiel der Dunkelheit entziehen! Vergebens schreiben wir für Welt und Afterwelt, Vergebens werden wir, in Bänden, aufgestellt; Der Motten zahlreich′ Heer zernagt mit frechem Zahn Den bestvergüldten Schnitt, den schönsten Saffian.

Ja, Cleon! nähmen deine Schriften, Um jede Messe zu erfreun, Auch täglich zwanzig Pressen ein, Sie würden dir dennoch kein stetes Denkmal stiften. Dein stärkster Foliant, der Fluch für den, der schreibt, War Lumpe, ward Papier, wird Kehrig, wird zerstäubt. Ja, der Vergessenheit und der Verwesung Reich Macht Carl dem Großen dich, wie seiner Sprachkunst, gleich.

Kein Rang, kein Ruhm kömmt uns zu statten, Der Tod sieht keinen Vorzug an, Und stellt den allergrößten Mann Zum Pöbel der gemeinen Schatten. Er fället ungescheut, der Eitelkeit zum Spott, Den König Galliens, wie den von Yvetot. Doch was sind Könige? Selbst Helden vom Parnaß Sind ihm so fürchterlich, als uns ein Hundibras.

Verwahre deiner Weisheit Spuren, Das Werk, das deinen Witz bewährt, Mit Buckeln, die kein Wurm verzehrt, Mit ewigem Metall in Spangen und Clausuren: Auch dieses schützt dich nicht: vielleicht zerstückt es doch Der Schneider leichtes Volk, ein unbeles′ner Koch: Und was entblättern nicht der Haare Kräuselei, Tabak- und Käsekram, Confect und Specerei?

So hat Eumolp dies Lied vollendet, Von schreiberischer Eitelkeit, Wie er vermeinte, ganz befreit, Und höhnisch auf den Stolz, der Schriftverfasser blendet. Doch sein Verleger kömmt, sein Tryphon, der ihn rührt, Ihm Lust und Feder schärft, ihn schmeichlerisch verführt. Er wagt ein neues Werk, er grübelt Tag und Nacht, Und schreibet um den Ruhm, den er zuvor belacht.

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Illustration zu Dauer der Scribenten

Interpretation

Das Gedicht "Dauer der Scribenten" von Friedrich von Hagedorn behandelt das Thema der Vergänglichkeit und der Nichtigkeit menschlicher Bestrebungen, insbesondere im Hinblick auf das Schreiben und die literarische Produktion. Der Sprecher, der sich an Cleon wendet, betont die Flüchtigkeit der Zeit und die Unausweichlichkeit des Todes, der alle menschlichen Errungenschaften in den Staub zurückführt. Die Metapher des "Mottenzahlreich Heers", das selbst die prächtigsten Bücher zerstört, verdeutlicht die Unvermeidbarkeit des Verfalls. Das Gedicht reflektiert über die Nutzlosigkeit des Schreibens, da selbst die sorgfältigsten und zahlreichsten Werke letztlich dem Vergessen anheimfallen. Der Sprecher argumentiert, dass weder Rang noch Ruhm vor dem Tod schützen können, der alle Menschen, unabhängig von ihrem Status, gleichstellt. Die Gleichsetzung von Karl dem Großen mit seiner eigenen sprachlichen Meisterschaft unterstreicht die Idee, dass selbst die größten Figuren der Geschichte dem Vergessen geweiht sind. Abschließend beschreibt das Gedicht die Ironie des Schreibers Eumolp, der ein Lied über die Eitelkeit des Schreibens verfasst, um sich von dieser zu befreien. Doch der Verleger Tryphon verführt ihn, weiterzuschreiben, und Eumolp verfällt erneut der Versuchung des Ruhms, den er zuvor verspottet hatte. Dies verdeutlicht die zyklische Natur des menschlichen Strebens nach Unsterblichkeit durch das Schreiben, das letztlich vergeblich ist.

Schlüsselwörter

kein cleon bald vergebens ruhm kömmt eitelkeit werk

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Er wagt ein neues Werk, er grübelt Tag und Nacht
Hyperbel
Auch täglich zwanzig Pressen ein
Metapher
Ihm Lust und Feder schärft
Personifikation
So hat Eumolp dies Lied vollendet
Vergleich
Sind ihm so fürchterlich, als uns ein Hundibras