Das Ziel

Wilhelm Arent

1885

Schon als ich noch ein Knabe war, zog es mich hin zu ander’m Stern, Tiefheißes Sehnen faßte mich, doch blieb mir die Erfüllung fern. Ich fieberte all’ meine Tag’. Oft stürmt’ ich in das Feld hinaus … Der brünstige Leib verkühlte sich in Regenschaum und Sturmgebraus. Der Seele Schrei: ich hörte ihn in tausendstimmigen Melodien, Ich sah auf dunklen Fittichen die todten Leidgenossen zieh’n. Die ewige Dämmerung zerstob: die Nebel theilten sich zu Hauf’, Lichtfremde Welten thaten sich vor meinen Geisteraugen auf. Nicht Lust noch Schmerz barg mehr die Brust: zu Ende war gekämpft die Schlacht, Das All war ich: ich war das All: so ward mir Friede in der Nacht.

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Illustration zu Das Ziel

Interpretation

Das Gedicht "Das Ziel" von Wilhelm Arent beschreibt die Reise eines Menschen von seiner Jugend bis zur Erleuchtung. Der Sprecher beginnt als Junge, der von einem tiefen Verlangen nach etwas Transzendentem getrieben wird, das ihm jedoch zunächst unerreichbar bleibt. Er durchlebt eine Zeit intensiven Sehnens und Fieberens, in der er sich in die Natur stürzt, doch sein körperliches Verlangen erkaltet in den Elementen. Dennoch hört er den Schrei seiner Seele in vielfältigen Melodien und sieht die Verstorbenen als traurige Gefährten vorüberziehen. Schließlich löst sich die ewige Dämmerung auf, und er erblickt lichtferne Welten vor seinen geistigen Augen. In der zweiten Phase des Gedichts erreicht der Sprecher einen Zustand vollkommener Einheit und Frieden. Die Unterscheidung zwischen Lust und Schmerz löst sich auf, der Kampf ist vorbei. Er erkennt, dass er eins mit dem All ist, und findet in dieser Erkenntnis die ersehnte Ruhe. Das Gedicht beschreibt somit einen spirituellen Erleuchtungsweg, auf dem der Einzelne durch Sehnsucht, Leid und Erkenntnis schließlich zur Einheit mit dem Universum gelangt.

Schlüsselwörter

all knabe zog hin ander stern tiefheißes sehnen

Wortwolke

Wortwolke zu Das Ziel

Stilmittel

Alliteration
Regenschaum und Sturmgebraus
Hyperbel
Oft stürmt' ich in das Feld hinaus
Metapher
Das All war ich: ich war das All
Paradox
Nicht Lust noch Schmerz barg mehr die Brust
Personifikation
Der brünstige Leib verkühlte sich