Schon als ich noch ein Knabe war, zog es mich hin zu ander’m Stern,
Tiefheißes Sehnen faßte mich, doch blieb mir die Erfüllung fern.
Ich fieberte all‘ meine Tag‘. Oft stürmt‘ ich in das Feld hinaus …
Der brünstige Leib verkühlte sich in Regenschaum und Sturmgebraus.
Der Seele Schrei: ich hörte ihn in tausendstimmigen Melodien,
Ich sah auf dunklen Fittichen die todten Leidgenossen zieh’n.
Die ewige Dämmerung zerstob: die Nebel theilten sich zu Hauf‘,
Lichtfremde Welten thaten sich vor meinen Geisteraugen auf.
Nicht Lust noch Schmerz barg mehr die Brust: zu Ende war gekämpft die Schlacht,
Das All war ich: ich war das All: so ward mir Friede in der Nacht.
Das Ziel
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Kurze Interpretation des Gedichts
Das Gedicht „Das Ziel“ von Wilhelm Arent beschreibt eine persönliche Reise, die von jugendlicher Sehnsucht über leidenschaftliches Suchen bis hin zur endgültigen Erfüllung und innerem Frieden führt. Das Gedicht beginnt mit der Feststellung einer frühen, intensiven Sehnsucht nach einem „ander’m Stern“, was metaphorisch für ein unerreichbares Ziel, eine tiefe innere Bestimmung oder einen höheren Sinn steht. Die Jugendzeit wird durch das Bild des „Knabe[n]“ repräsentiert, der von einem „tiefheißes Sehnen“ erfasst wird, jedoch die Erfüllung seiner Wünsche verwehrt bekommt. Diese Phase ist gekennzeichnet durch das „Fiebern“ und stürmisches, ergebnisloses Suchen.
Der zweite Teil des Gedichts veranschaulicht die Intensität des Erlebens und die damit verbundene spirituelle Reise. Der „brünstige Leib“ kühlt sich in den Elementen, was als Metapher für die Überwindung irdischer Begierden und die Auseinandersetzung mit den Herausforderungen des Lebens gedeutet werden kann. Der „Seele Schrei“ wird in „tausendstimmigen Melodien“ wahrgenommen, was auf die Vielfalt und Tiefe der Erfahrungen hinweist. Das Bild der „todten Leidgenossen“ unterstreicht das Bewusstsein der Vergänglichkeit und des Leidens, das auf dem Weg zur Erfüllung unvermeidlich ist. Die „ewige Dämmerung“ weicht schließlich, und „lichtfremde Welten“ eröffnen sich, was einen Übergang zu einer neuen Ebene des Verständnisses und der Erkenntnis darstellt.
Der abschließende Teil des Gedichts signalisiert das Erreichen des Ziels. Das Aufgeben von „Lust noch Schmerz“ deutet auf eine transzendente Erfahrung hin, in der die Gegensätze aufgehoben sind. Die Zeile „Zu Ende war gekämpft die Schlacht“ impliziert, dass der innere Kampf, die Suche nach dem Ziel, nun vorbei ist. Die endgültige Erkenntnis besteht darin, dass der Dichter sich mit dem „All“ identifiziert: „Das All war ich: ich war das All.“ Dieser Zustand der Einheit und des Einsseins führt zum „Friede[n] in der Nacht“. Dies steht für einen Zustand der Erleuchtung, des Verständnisses und der inneren Ruhe, der am Ende einer langen und oft beschwerlichen Reise gefunden wird.
Die Verwendung von Bildern wie „Stern“, „Regenschaum“, „Sturmgebraus“ und „lichtfremde Welten“ verstärkt die emotionale Wirkung des Gedichts. Es zeichnet sich durch einen Wechsel von jugendlicher Unruhe und dem stürmischen Suchen, bis hin zu einem Zustand der Gelassenheit aus, in dem der Dichter die gesamte Existenz in sich selbst findet. Das Gedicht ist damit eine Meditation über das Streben nach einem übergeordneten Ziel und die damit verbundene Entwicklung des Bewusstseins. Der Weg zum Ziel wird als eine Reise durch vielfältige Erfahrungen beschrieben, die letztendlich zur Einheit und zum Frieden führt.
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Lizenz und Verwendung
Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.
