Das Zeitgedicht
1933Ihr meiner zeit genossen kanntet schon Bemaasset schon und schaltet mich - ihr fehltet. Als ihr in lärm und wüster gier des lebens Mit plumpem tritt und rohem finger ranntet: Da galt ich für den salbentrunknen prinzen Der sanft geschaukelt seine takte zählte In schlanker anmut oder kühler würde - In blasser erdenferner festlichkeit.
Von einer ganzen jugend rauhen werken Ihr rietet nichts von quälen durch den stürm Nach höchstem first- von fährlich blutigen träumen. ′Im bund noch diesen freund!′ und nicht nur lechzend Nach tat war der empörer eingedrungen Mit dolch und fackel in des feindes haus… Ihr kundige las′t kein schauern - las′t kein lächeln - Wart blind für was in dünnem schleier schlief.
Der pfeifer zog euch dann zum wunderberge Mit schmeichelnden verliebten tönen - wies euch So fremde schätze dass euch allgemach Die weit verdross die unlängst man noch pries. Nun da schon einige arkadisch säuseln Und schmächtig prunken : greift er die fanfare - Verlezt das morsche fleisch mit seinen Sporen Und schmetternd führt er wieder ins gedräng.
Da greise dies als mannheit schielend loben Erseufzt ihr: solche hoheit stieg herab! Gesang verklärter wölken ward zum schrei!.. Ihr sehet Wechsel - doch ich tat das gleiche. Und der heut eifernde posaune bläst Und flüssig feuer schleudert weiss dass morgen Leicht alle Schönheit kraft und grösse steigt Aus eines knaben stillem flötenlied.
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Interpretation
Das Gedicht "Das Zeitgedicht" von Stefan George thematisiert die Veränderungen und Widersprüche in der Gesellschaft im Laufe der Zeit. George kritisiert die Menschen seiner Zeit, die ihn zunächst als sanften, blassen Prinzen betrachteten, der in schlanker Anmut und kühler Würde seine Takte zählte. Doch er selbst durchlitt in seiner Jugend Qualen und stürmische Träume, kämpfte als Empörer mit Dolch und Fackel gegen den Feind. Die Zeitgenossen verstanden nichts von seinem wahren Wesen, das unter einem dünnen Schleier schlummerte. George beschreibt, wie die Gesellschaft von einem Pfeifer zu einem Wunderberg geführt wurde, wo sie fremde Schätze entdeckte, die sie allmählich den bisher gepriesenen Werten vorzogen. Nun, da einige schon arkadisch säuselten und schmächtig prunkteten, greift der Pfeifer erneut zur Fanfare und führt sie zurück ins Gedränge. Die Greise loben dies als Mannheit, während George selbst das Gleiche tat und weiß, dass die heutige Begeisterung für die Posaune morgen der Schönheit, Kraft und Größe weichen wird, die aus einem Knaben stilles Flötenlied entspringt. Das Gedicht verdeutlicht die Vergänglichkeit von Idealen und die ständige Suche nach neuen Werten in der Gesellschaft. George kritisiert die Oberflächlichkeit und den Mangel an Tiefe in den Sehnsüchten seiner Zeitgenossen, die blind für das wahre Wesen der Dinge sind. Er selbst bleibt ein Beobachter und Kritiker, der die Veränderungen in der Gesellschaft miterlebt, aber nicht von ihnen vereinnahmt wird.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- pfeifer zog
- Bildsprache
- Mit dolch und fackel in des feindes haus
- Hyperbel
- flüssig feuer schleudert weiss
- Ironie
- arkadisch säuseln und schmächtig prunken
- Kontrast
- Ihr sehet Wechsel - doch ich tat das gleiche
- Metapher
- salbentrunkner prinzen
- Personifikation
- Gesang verklärter wölken ward zum schrei
- Symbolik
- pfeifer zog euch dann zum wunderberge