Das Wunder im Kornfeld

August Kopisch

1867

Der Knecht reitet hinten, der Ritter vorn, Rings um sie woget das blühende Korn . . . Und wie Herr Attich herniederschaut, Da liegt im Weg ein lieblich Kind, Von Blumen umwölbt, die sind betaut, Und mit den Locken spielt der Wind. Da ruft er dem Knecht: »heb auf das Kind!« – Absteigt der Knecht und langt geschwind: »»O, welch ein Wunder! – Kommt daher! Denn ich allein erheb es nicht.«« – Absteigt der Ritter, es ist zu schwer; Sie heben es alle beide nicht!

»Komm Schäfer!« – sie erhebens nicht! »Komm Bauer!« – sie erhebens nicht! Sie riefen jeden der da war, Und jeder hilft: – sie hebens nicht! Sie stehn umher, die ganze Schar Ruft: »Welch ein Wunder, wir hebens nicht!«

Und das holdselige Kind beginnt: »Laßt ruhen mich in Sonn′ und Wind: Ihr werdet haben ein fruchtbar Jahr, Daß keine Scheuer den Segen faßt: Die Reben tropfen von Moste klar, Die Bäume brechen von ihrer Last!

»Hoch wächst das Gras vom Morgentau, Von Zwillingkälbern hüpft die Au; Von Milch wird jede Gölte naß, Hat jeder Arm′ genug im Land. Auf lange füllt sich jedes Faß!« So sang das Kind da und – verschwand.

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Illustration zu Das Wunder im Kornfeld

Interpretation

Das Gedicht "Das Wunder im Kornfeld" von August Kopisch erzählt die Geschichte eines kindlichen Wunderwesens, das im Kornfeld liegt und von den Menschen nicht aufgehoben werden kann. Die Erzählung beginnt mit einem Ritter und seinem Knecht, die auf das Kind stoßen. Trotz ihrer Anstrengungen und der Hilfe anderer, die hinzukommen, gelingt es ihnen nicht, das Kind zu heben. Dieses Ereignis wird als Wunder beschrieben, da die physische Unmöglichkeit, das Kind zu bewegen, offensichtlich ist. Das Kind beginnt zu sprechen und prophezeit eine Zeit des Überflusses und der Fruchtbarkeit. Es verspricht ein Jahr, in dem die Felder üppig wachsen, die Reben reichlich tragen und die Bäume unter der Last ihrer Früchte brechen. Die Natur wird in ihrer Fülle beschrieben, mit hohem Gras, vielen Kälbern und ausreichend Milch für alle. Das Kind kündigt an, dass jeder genug haben wird und dass die Fässer lange Zeit gefüllt bleiben werden. Das Gedicht endet damit, dass das Kind seine Prophezeiung beendet und verschwindet. Die Unfähigkeit der Menschen, das Kind zu heben, und seine anschließende Prophezeiung deuten auf eine übernatürliche Präsenz hin, die Segen und Überfluss bringt. Das Wunder im Kornfeld wird somit zu einem Symbol für die unerklärlichen und wundersamen Aspekte der Natur und des Lebens, die den Menschen ein Gefühl von Staunen und Ehrfurcht vermitteln.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Anapher
»Komm Schäfer!« – sie erhebens nicht! »Komm Bauer!« – sie erhebens nicht! Sie riefen jeden der da war, Und jeder hilft: – sie hebens nicht!
Hyperbel
Sie heben es alle beide nicht!
Metapher
Rings um sie woget das blühende Korn
Personifikation
Und mit den Locken spielt der Wind
Symbolik
Das Wunder im Kornfeld