Das Wiedersehn

Johann Wolfgang von Goethe

1770

Er: Süße Freundin, noch Einen, nur Einen Kuß noch gewähre Diesen Lippen! Warum bist du mir heute so karg? Gestern blühte wie heute der Baum, wir wechselten Küsse Tausendfältig; dem Schwarm Bienen verglichst du sie ja, Wie sie den Blüten sich nahn und saugen, schweben und wieder Saugen, und lieblicher Ton süßen Genusses erschallt. Alle noch üben das holde Geschäft. Und wäre der Frühling Uns vorübergeflohn, eh sich die Blüte zerstreut?

Sie: Träume, lieblicher Freund, nur immer! rede von Gestern! Gerne hör ich dich an, drücke dich redlich ans Herz. Gestern, sagst du? - Es war, ich weiß, ein köstliches Gestern; Worte verklangen im Wort, Küsse verdrängten den Kuß. Schmerzlich wars, zu scheiden am Abende, traurig die lange Nacht von gestern auf heut, die den Getrennten gebot. Doch der Morgen kehret zurück. Ach, daß mir indessen Zehnmal, leider! der Baum Blüten und Früchte gebracht!

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Illustration zu Das Wiedersehn

Interpretation

Das Gedicht "Das Wiedersehn" von Johann Wolfgang von Goethe handelt von einem Treffen zwischen einem Mann und einer Frau, die sich zuvor innig geliebt haben. Der Mann bittet die Frau um einen weiteren Kuss, da er sich heute weniger aufmerksam von ihr behandelt fühlt als gestern. Er erinnert sich an die leidenschaftlichen Küsse, die sie ausgetauscht haben, und vergleicht sie mit dem Schwarm von Bienen, der von Blüte zu Blüte fliegt. Er fragt sich, warum die Frau ihm heute so karg ist, obwohl der Baum genauso blüht wie gestern. Die Frau antwortet dem Mann, dass er nur träumen und von gestern sprechen soll. Sie drückt ihn an ihr Herz und hört ihm gerne zu. Sie erinnert sich auch an das gestrige Treffen, das sie als köstlich empfunden hat. Die Worte und Küsse haben sich überlagert und es war schmerzlich, sich am Abend zu trennen. Die lange Nacht von gestern auf heute war traurig für die Getrennten. Doch der Morgen ist zurückgekehrt und die Frau bedauert, dass der Baum in der Zwischenzeit zehnmal geblüht und Früchte getragen hat. Das Gedicht thematisiert die Vergänglichkeit der Liebe und die Sehnsucht nach vergangenen Momenten. Es zeigt die unterschiedlichen Perspektiven von Mann und Frau auf das Treffen und die Veränderungen, die die Zeit mit sich bringt. Goethe verwendet dabei bildhafte Vergleiche und eine emotionale Sprache, um die Intensität der Gefühle und die Ambivalenz der Situation auszudrücken.

Schlüsselwörter

gestern kuß heute baum küsse blüten saugen lieblicher

Wortwolke

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Stilmittel

Hyperbel
Tausendfältig; dem Schwarm Bienen verglichst du sie ja
Metapher
Wie sie den Blüten sich nahn und saugen, schweben und wieder
Personifikation
Doch der Morgen kehret zurück
Rhetorische Frage
Gestern blühte wie heute der Baum, wir wechselten Küsse
Vergleich
dem Schwarm Bienen verglichst du sie ja