Das Weib
1910Es war eine Geige; unscheinbar und schlicht, lehnte sie in einer Ecke des prunkvollen Zimmers.
Ein großer Künstler besaß die Geige ….
Es kamen Schüler und Herren zu ihm, um zu lernen und um ihm zu schmeicheln; feine Prinzen kamen zu ihm.
Manchmal hielten sie stumm vor der Pforte des Hauses .. Hatten die Sterne Stimmen bekommen? War der Erde Feuer in eine Seele geflohen und schlug aus ihr in tausend jauchzenden klingenden Flammen? Posaunten die Kriege des jüngsten Tages in erzenen Schreien nieder?
Und die Lauscher flogen hinauf in den Saal, und sie trafen den Meister mit brennenden Augen und zitternden Pulsen.
»Wo ist das Werkzeug, womit du den Himmel bethörst?« riefen sie.
Er aber deutete gelassen auf alle die samtenen, güldenen Kästen, darinnen auf seidenen Kissen die kostbaren Geigen gebettet lagen.
»Es wird wohl eine von diesen sein«.
Und die Schüler warfen sich über die funkelnden Instrumente. Aber keines besaß die Seele, die sie singen gehört. Und sie spähten und suchten, und quälten die Saiten, aber vergeblich.
Derbe Töne voll irdischen Wohlklangs entlockte ihr Bogen; doch jene himmlische, bachantisch süße, tolle, berückende, wehlüsterne, selige, glückselige Seele sang ihnen nicht …
Da entdeckte einer die unscheinbare in der Ecke lehnende schlichte Geige.
Und er ergriff sie, und begann sie zum Tönen zu bringen. Doch eine kalte gefühlleere Antwort ward seiner glühenden Frage …
Nachdenklich sinnend verließen die Schüler das Haus ihres Meisters.
Aber als er allein war, trat er zu jener unscheinbaren schlichten Geige …
Und er berührte sie; und es schluchzte und jauchzte aus ihren Saiten bei seiner Liebkosung.
Und es schluchzte und jauchzte bei seiner Liebkosung, und es schienen Blumen unter seinen zitternden Fingern zu sprießen, und wie Lachen blutig geküßter Lippen, wie Küsse kleiner unschuldiger Vögel kams aus den Saiten.
Heil dir Geige! der nur der eine Jauchzen des Himmels entlocken kann.
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Interpretation
Das Gedicht "Das Weib" von Maria Janitschek erzählt die Geschichte einer unscheinbaren Geige, die in einer Ecke eines prunkvollen Zimmers lehnt. Sie wird von einem großen Künstler besessen, der Schüler und Herren empfängt, die von ihm lernen und ihm schmeicheln wollen. Die Geige bleibt zunächst unentdeckt, während die Besucher von den kostbaren, auf seidenen Kissen gebetteten Geigen angezogen werden. Doch keines dieser Instrumente besitzt die Seele, die sie singen gehört haben. Erst als ein Schüler die unscheinbare Geige in der Ecke entdeckt und versucht, sie zum Tönen zu bringen, wird klar, dass sie eine besondere Bedeutung hat. Doch eine kalte, gefühlleere Antwort wird seiner glühenden Frage. Nachdenklich verlassen die Schüler das Haus ihres Meisters. Doch als der Meister allein ist, tritt er zu der unscheinbaren Geige und berührt sie. Und es schluchzt und jauchzt aus ihren Saiten bei seiner Liebkosung. Es scheinen Blumen unter seinen zitternden Fingern zu sprießen, und wie Lachen blutig geküsster Lippen, wie Küsse kleiner unschuldiger Vögel, kommt es aus den Saiten. Die Geige ist ein Symbol für die Frau, die nur durch die Liebe und Zärtlichkeit des Mannes ihre volle Schönheit und Kraft entfalten kann.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Hyperbel
- Der Erde Feuer ist in eine Seele geflohen
- Metapher
- Wie Küsse kleiner unschuldiger Vögel
- Personifikation
- Es schluchzte und jauchzte aus ihren Saiten