Das Verwunschene Schloss
1839Inmitten einer lieblichen Au, Die kristallenes Licht übergoß, Stand ehemals ein stolzer Bau, Ein strahlend schönes Schloß. Das Reich, wo es sich luftig erhob, War des Königs »Gedanke« Land, Und Seraphschwingen waren darob Unsichtbar ausgespannt.
Goldgelbe Banner aus Damast Wallten in Sonnenglut Herab vom schimmernden Palast Wie eine goldene Flut. Und jeder schmeichlerische Zephyr, Der mit den Blüten dort Gekost, flog aus dem Zauberrevier Als Wohlgeruch wieder fort.
Die Wanderer blickten in jenem Tal Durch Fenster aus leuchtendem Glas In einen hohen, blendenden Saal, Wo des Reiches Gebieter saß. Sein Thron war ganz aus edlem Gestein Mir purpurnem Baldachin; Davor schlangen Genien einen Reih′n Zu Harfenmelodien.
Mit Perlen und Rubinen besät War des Palastes Portal, Durch dieses flatterten früh und spät Echoschwärme ohne Zahl Vor den König hin und sangen ihm Mit Stimmen süß und leis Einen Chorus wie von Seraphim Zu immerwährendem Preis.
Doch wüstes Volk in der Sorge Gewand Nahm Thron und Reich in Beschlag. Weh, nie mehr dämmert in jenem Land Der Tag, weh, nimmer ein Tag! Und alles, alles, was dort umher Je prangte an Herrlichkeit, Ist nur eine traumhafte Mär Aus längst vergessener Zeit.
Jetzt zeigen sich des Wanderers Blick Gestalten knöchern und starr Und schwingen sich zu toller Musik In Reigen wild und bizarr. Dieweil gleich einem lautlosen Strom Sich in die ewige Nacht Zur Tür hinausstürzt Phantom um Phantom Und nimmermehr lächelt - doch lacht!
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Interpretation
Das Gedicht "Das Verwunschene Schloss" von Edgar Allan Poe beschreibt den einstmals stolzen und strahlenden Palast eines Königs namens "Gedanke", der in einem idyllischen Tal stand. Das Schloss war von goldenen Bannern, süßen Düften und ehrfürchtigen Besuchern umgeben, die durch leuchtende Fenster in den blendenden Saal blickten, in dem der König auf einem Thron aus edlem Gestein saß. Um ihn herum tanzten Genien zu Harfenklängen, und zahllose Echos flatterten durch das Portal, um den König mit süßen Stimmen zu preisen. Doch eines Tages wurde der Thron und das Reich von einem wüstes Volk in Sorgegestalt übernommen. Seitdem ist das Land in ewige Dunkelheit gehüllt, und alles, was einst an Herrlichkeit dort prangte, ist nur noch eine traumhafte Mär aus längst vergessener Zeit. Der Palast ist nun ein verwunschener Ort, an dem sich die Gestalten der Vergangenheit in wilden, bizarren Reigen zur tollen Musik bewegen. Gleich einem lautlosen Strom stürzen Phantom um Phantom zur Tür hinaus in die ewige Nacht, und nimmermehr lächelt - doch lacht! Das Gedicht beschreibt somit den Verfall eines einstmals glorreichen Ortes und den Übergang in eine düstere, geisterhafte Welt.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Goldgelbe Banner aus Damast
- Allusion
- Echoschwärme ohne Zahl Vor den König hin und sangen ihm Mit Stimmen süß und leis Einen Chorus wie von Seraphim
- Bildsprache
- Inmitten einer lieblichen Au, Die kristallenes Licht übergoß
- Hyperbel
- Ein strahlend schönes Schloß
- Kontrast
- Und nimmermehr lächelt - doch lacht!
- Metapher
- Sich in die ewige Nacht
- Personifikation
- Echoschwärme ohne Zahl
- Symbolik
- Goldgelbe Banner aus Damast