Das verwandelte Lied

Otto Ernst

1862

Mit meinem Lieb durchstrich ich deutschen Wald, Und froher Rausch aus grünem Licht und Duft, Aus Windes-Orgelklang und Bergesluft Ergriff die freudeoffenen Herzen bald. O Kuß in eines Walds geheimstem Grund! Fern oben über Wipfeln rauscht die Welt Und weiß es nicht, daß unten Mund auf Mund Zwei Welt- und Selbstvergessene versinken! Der Lippen Duft wie junges Tannengrün, Und tief im trunken-stillen Blick ein Licht, Das hoch herab von heiliger Wölbung fällt! O sternendunkler Abgrund, ende nicht, Und laß uns ewig deine Dämmrung trinken –

Doch ach - ein Eichhorn, tückisch, schadenfroh, Zerbricht ein Reis - und bricht den Zauberbann. Sie huscht davon - ein Strahl im nächtigen Tann! - Und steht - und neigt das Haupt - ein Kuckuck ruft Fern, märchenfern im Lande Irgendwo. Und wir, mit Küssen, zählen: Eins - und zwei - Und drei - und vier - schon schweigt er? Weiter, Schuft! Und er gehorcht! Nun fünf - und sechs - und sieben - Und schüttet uns von Leben und von Lieben Die Herzen voll so ohne Maß und Ziel, Daß sie mich von sich stößt und ächzt: “Nun wird’s zu viel!” Zuviel, zuviel der Lust! Das Herz thut weh Von so viel Kraft und Glück, und könnt’ ich schrei’n Wie -

Still! Da fällt ein fremder Klang herein - Von fern ertönt ein Horn - o je, o je! Genießen müssen wir - da giebt es kein Entflieh’n - Die Weise “Wenn die Schwalben heimwärts zieh’n”. Nicht übel blies der gute, ferne Mann; Doch wenn man nun einmal ein Lied nicht leiden kann - Und seltsam: meinem Lieb ging’s ebenso: Es war ein traurig Lied und stimmt’ uns herzlich froh. Gefühlvoll blies er sehr vom Abschiedsbangen - Wir näselten und dudelten’s ihm nach Wie zwei der Zucht zu früh entlaufne Rangen. Und lachten, lachten - - und verstummten jach. Denn uns entgegen kam am Stock gegangen Ein Mensch - war’s noch ein Mensch? War’s noch ein Geh’n? Zu jedem Schritt mußt’ er die Kraft erst sammeln; Ein Tasten war sein Gang, ein banges Stammeln - Nie hab’ ich solch ein arm Gesicht geseh’n! Und jeder Zug darin ein zuckend Müh’n: “Nur diesen Sommer säh ich gern verblüh’n!” Und aus den Augen - ach, aus diesen Augen, Die sich mit langem Blick ins Hirn mir saugen, Sprach mehr zu mir als Leiden, mehr als Leid: Schrie bettelnd jener herzgrundtiefe Neid: “Warum gebt ihr mir nichts von eurem Leben! Ihr seid doch überreich und könntet gern mir geben, Und drückt euch stumm vorbei -”

Als wir vorübergehen, Berührt sein Stab den Saum von ihrem Kleide.

Wir schritten weiter, ohn’ uns anzusehen. Von selbst und heimlich flocht sich Hand in Hand, Und ferngewandten Auges sah’n wir beide Mit großem Blick ins dunkle Schicksalsland.

Willkommne Rast am birkenkühlen Hang - Und wieder hallte herüber des Hornes Klang Und klagte: “Ob ich dich einst wiederseh’?” - Da ward uns beiden ums Herz zum Weinen weh. Es war ein Lied - mocht’s viel, mocht’s wenig taugen - Ein Lied war’s mit zwei sterbenden Menschenaugen.

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Illustration zu Das verwandelte Lied

Interpretation

Das Gedicht "Das verwandelte Lied" von Otto Ernst beschreibt eine idyllische Begegnung zweier Liebenden in der Natur, die durch äußere Einflüsse gestört wird. Anfangs erleben die Liebenden eine tiefe, romantische Verbindung inmitten des Waldes, die von der Schönheit und dem Duft der Natur verstärkt wird. Diese harmonische Szene wird durch das Erscheinen eines Eichhörnchens und den Ruf eines Kuckucks unterbrochen, was die Liebenden in ein spielerisches Zählen der Kuckucksrufe verwickelt. Diese heitere Stimmung wird jedoch bald durch das Blasen eines Horns und das Erscheinen eines leidenden Menschen getrübt. Die Störung der idyllischen Szene durch das Horn und den leidenden Menschen symbolisiert die Vergänglichkeit und die Unausweichlichkeit des Leids im Leben. Das Lied "Wenn die Schwalben heimwärts ziehen" und der Anblick des leidenden Mannes erinnern die Liebenden an die Realität des Lebens, die von Abschied und Leid geprägt ist. Der Mann, der kaum noch gehen kann und voller Neid auf das Glück der Liebenden ist, verstärkt das Gefühl der Vergänglichkeit und des unvermeidlichen Leids. Am Ende des Gedichts finden die Liebenden eine gewisse Ruhe und Reflexion, als sie weitergehen und sich die Hände reichen, während sie in die Ferne blicken. Das erneute Blasen des Horns und das Lied, das von der Frage handelt, ob man sich jemals wiedersehen wird, unterstreichen die bittersüße Natur des Lebens und der Liebe. Das Gedicht endet mit der Erkenntnis, dass das Lied, unabhängig von seiner Qualität, durch die Augen der Liebenden, die das Leid und die Vergänglichkeit des Lebens widerspiegeln, eine tiefe emotionale Bedeutung erlangt.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Metapher
Ein Lied war's mit zwei sterbenden Menschenaugen
Personifikation
Aus Windes-Orgelklang und Bergesluft