Das Vermächtnis

Anastasius Grün

1808

Hör′ des Sterbenden Vermächtnis, Höre meinen letzten Laut: Diese Blume, welk und farblos, Sei als Gabe dir vertraut!

Wie sie teuer, wie sie kostbar, Dir ist es ja ganz bewußt: An dem Tag, als mein du wurdest, Raubt′ ich sie von deiner Brust.

Liebchen, laß an deinem Busen, Laß die welke Blume ruhn, Einst der Liebe traute Gabe, Doch des Schmerzens Gabe nun!

Dann wirst du′s im Herzen lesen, Gleich der Schrift im Leichenstein: Wann und wie sie dir geraubt ward, Wann und wie sie wieder dein.

Anhören

Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Illustration zu Das Vermächtnis

Interpretation

Das Gedicht "Das Vermächtnis" von Anastasius Grün ist eine tiefgründige Betrachtung über Liebe, Verlust und Erinnerung. Der Sprecher, ein Sterbender, hinterlässt seiner Liebsten eine welke Blume als letzte Gabe. Diese Blume symbolisiert die gemeinsame Vergangenheit und die tiefe Verbundenheit zwischen den beiden Liebenden. Der Sprecher erinnert sich an den Tag, an dem er die Blume von der Brust seiner Liebsten nahm, als sie ein Paar wurden, und betont, wie wertvoll und kostbar dieser Moment für beide war. Die welke Blume, die einst ein Symbol der Liebe war, hat nun eine andere Bedeutung angenommen. Sie ist zu einer Gabe des Schmerzes geworden, die den Verlust und die Trauer über den bevorstehenden Abschied des Sprechers widerspiegelt. Der Sprecher bittet seine Liebste, die Blume an ihrem Busen ruhen zu lassen, als eine Art ewige Erinnerung an ihre gemeinsame Zeit und die tiefe Liebe, die sie verband. Die Blume wird somit zu einem greifbaren Zeichen ihrer Vergangenheit und zu einem Symbol für die Unvergänglichkeit ihrer Liebe, selbst über den Tod hinaus. Im letzten Vers des Gedichts wird die Blume mit der Schrift auf einem Grabstein verglichen. Diese Metapher verdeutlicht, dass die Blume wie eine Inschrift auf einem Grabstein die Geschichte ihrer Liebe erzählt. Sie wird die Liebste daran erinnern, wann und wie die Blume geraubt wurde und wann sie wieder ihr Eigen wird. Auf diese Weise wird die welke Blume zu einem Vermächtnis, das die Erinnerung an die Liebe und den Schmerz des Verlusts bewahrt und die Liebende in ihrem Herzen tragen kann, bis sie selbst stirbt und die Blume wieder zu ihr zurückkehrt.

Schlüsselwörter

gabe blume laß wann hör sterbenden vermächtnis höre

Wortwolke

Wortwolke zu Das Vermächtnis

Stilmittel

Alliteration
teuer, wie sie kostbar
Hyperbel
Raubt′ ich sie von deiner Brust
Kontrast
Einst der Liebe traute Gabe, Doch des Schmerzens Gabe nun
Metapher
Hör′ des Sterbenden Vermächtnis
Personifikation
Diese Blume, welk und farblos
Symbolik
Diese Blume
Vergleich
Gleich der Schrift im Leichenstein