Das Verhör
Sie heißen? fragte mich der Direktor.
Ich nannte den Namen.
Geboren?
Ja!
Wann? meine ich.
Ich nannte das Datum.
Religion?
Geht sie nichts an.
Schreiben sie also: mosaisch! – Der Beamte schrieb.
Was tun sie?
Ich dichte.
Wa-s?
Ich trinke.
Delyriker! schrieb der Beamte.
Das Verhör dauerte noch lange. Schließlich wurde mir die Fragerei zu bunt. Zum Donnerwetter! schrie ich. Bin ich denn hier in einem Tollhaus?
Allerdings, erwiderte der Direktor freundlich und ließ mich in eine Zwangsjacke stecken.
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Kurze Interpretation des Gedichts
Das Gedicht „Das Verhör“ von Erich Mühsam ist eine bissige Satire auf die Bürokratie und die Repression unterdrückerischer Regime. Das Gedicht nimmt die Form eines Verhörs an, bei dem der Protagonist von einem Direktor und einem Beamten mit standardisierten Fragen traktiert wird, die im Laufe der Befragung immer absurder und entlarvender werden. Durch die scheinbar belanglosen Fragen und die ebenso banalen Antworten des Dichters wird die Willkür und der Mangel an Verständnis der Obrigkeit offengelegt.
Die Verwendung von knappen, präzisen Antworten und die Kürze der Verse tragen zur pointierten Wirkung des Gedichts bei. Der Protagonist weigert sich, sich den Erwartungen der Beamten zu fügen. Seine Antworten sind trocken, ironisch und zeugen von einer gewissen Rebellion. Die Befragung spitzt sich zu, als der Protagonist auf die Frage nach seiner Tätigkeit mit „Ich dichte“ antwortet, was den Beamten zu der herablassenden Bezeichnung „Delyriker!“ veranlasst. Diese Reaktion verdeutlicht das Unverständnis der Behörden gegenüber künstlerischer Freiheit und kreativem Schaffen.
Die Wendung am Ende des Gedichts ist besonders bezeichnend. Die Frage des Protagonisten, ob er sich in einem Tollhaus befinde, wird vom Direktor bejaht, was seine Verhaftung und die anschließende Fixierung in einer Zwangsjacke nach sich zieht. Diese Zuspitzung der Situation unterstreicht die Absurdität des Systems und die Unterdrückung von Andersdenkenden. Die scheinbare Freundlichkeit des Direktors verstärkt die Ironie und zeigt die Brutalität und die Willkür, mit der die Obrigkeit vorgeht.
Mühsam verwendet in seinem Gedicht eine einfache, direkte Sprache, die die Haltung des Protagonisten widerspiegelt. Durch die Reduktion auf das Wesentliche und die Vermeidung von überflüssigen Details wird die Botschaft umso eindringlicher. Das Gedicht ist ein Zeugnis für die Unterdrückung von Künstlern und Andersdenkenden und eine Kritik an einem System, das Angst vor Individualität und freiem Denken hat. Die Verwendung von Ironie und Satire macht das Gedicht zu einer wirkungsvollen Kritik an autoritären Strukturen und ihren Methoden.
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Lizenz und Verwendung
Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.