Das Vaterland

Wilhelm Friedrich Waiblinger

1854

An stillem Sommermorgen walle So gern ich durch die Einsamkeit, Wo sich des Tempels Säulenhalle, Dem Göttervater einst geweiht, Wo sich in tausendjähr′ger Trauer Der Eintracht nun zertrümmert Haus, Des Kapitoles ew′ge Dauer, Aus Schutt erhebt und ödem Graus.

Gern blick′ ich, wenn der Dämm′rung Schleier Die sieben Hügel schon umwebt, Dem Grabe mächtiger und freier Der Geist des Alterthums entschwebt, Hinunter in die dunkeln Tiefen, Wo mir, zum ernsten Freund erwählt, Von jenen Helden, die entschliefen, Der alte Tibergott erzählt.

Gern wandl′ ich auf verlassnen Wegen, Die kaum ein trüber Schein erhellt, Mit schauderndem Gefühl entgegen Des Colosseums Trümmerwelt; Wenn furchtsam von den wilden Schrecken Des schwarzen Ungethüms verscheucht, Der scheue Mond, sich zu verstecken, In einer Wolke Schooß entfleucht.

Oft daß der furchtbaren Gestalten Ehrwürd′ger Ernst mein Herz erfüllt, Und mir der Gottheit strafend Walten Ihr hoher Sehergeist enthüllt, Wenn Michel Angelos Propheten Gleich Stürmen aus den Himmeln wehn, Und bei des Weltgerichts Trompeten Die Todten aus dem Grab erstehn.

Oft daß ich selig mich erhebe In Tabors heiligem Gesicht, Daß ich dem sanften Geist erbebe, Der überstrahlt von reinem Licht, Mit Gottes glanzumflossnem Sohne, Von seinen Jüngern treu verehrt, Im Angesicht vor Gottes Throne, Der Erd′ entschwebend, sich verklärt.

Ich sah wie vom begrünten Saume Der Felswand in gewalt′ger Wuth Dumpfdonnernd in zerstäubtem Schaume Hinunterbraust des Anio Fluth, Wie tief in uralt finstern Klüften Der Meergott in den Wassern rauscht, Und oben in den milden Lüften Im Tempel die Sibylle lauscht.

Wenn endlich an Dianens Bade Durch Alba′s duft′gen Veilchenwald, Fernhin das blumige Gestade, Das Echo Jubel wiederhallt, Durchs Schattenlaub, o welch Entzücken! Des Abends goldner Regen träuft, Durch blendend helle Blätterlücken Der Blick zum nahen Meere schweift, -

Doch ohne Zagen, ohne Schwanken, Weih′ ich selbst in Elysium Nur Einem herrlichen Gedanken Mein Herz zum treuen Heiligthum, Ob mir der Zauber aller Fernen Und aller Meere sich erschließt, Doch glaub′ ich, daß ihn fliehn zu lernen Auf dieser Welt kein Lethe fließt.

Du bist es, große theure Wiege, Ach einst mein einzig Paradies, Du Heimath schwer errungner Siege, Die ich voll bittern Grams verließ, O Mutter, die vom eignen Sohne So schrecklich zürnend los sich wand, Verschließe meinem Klagetone Dein Ohr nicht, deutsches Vaterland!

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Illustration zu Das Vaterland

Interpretation

Das Gedicht "Das Vaterland" von Wilhelm Friedrich Waiblinger ist eine tief empfundene Liebeserklärung an das antike Rom und zugleich ein Aufruf an das deutsche Vaterland. Waiblinger schildert seine emotionale Verbindung zu den Ruinen und der Geschichte Roms, die ihn zu einer Reflexion über Heimat und nationale Identität inspirieren. Das Gedicht beginnt mit einer lebendigen Beschreibung der römischen Ruinen, insbesondere des Tempels, der einst dem Göttervater geweiht war. Waiblinger beschreibt, wie sich die Säulenhalle erhebt und wie der Geist des Altertums in der Dämmerung erscheint. Diese Bilder symbolisieren die tiefe Verbundenheit des Dichters mit der Vergangenheit und der kulturellen Bedeutung Roms. Im weiteren Verlauf des Gedichts wechselt Waiblinger von der Beschreibung Roms zu einer direkten Ansprache an das deutsche Vaterland. Er ruft es auf, sich nicht von seinem eigenen Sohn, dem deutschen Volk, abzuwenden. Das Gedicht endet mit einem Appell an die deutsche Heimat, die Ohren für die Klagen und Sehnsüchte des Volkes zu öffnen. Waiblinger betont die Bedeutung der Heimat und der nationalen Identität, während er gleichzeitig die Schönheit und den Zauber der fernen Orte anerkennt.

Schlüsselwörter

gern ger einst blick geist oft herz gottes

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Stilmittel

Metapher
Deutsches Vaterland
Personifikation
Die vom eignen Sohne So schrecklich zürnend los sich wand