Das Vaterland
1806Wir schwebten mit vollen Segeln Durch grüne Meeresfluth, Ein buntes Wandervölklein, Mit leichtem frohem Muth!
Ein Völklein, wie es heute Der Wind zusammensät, Und wie er’s morgen wieder Flink auseinander weht.
Da war ein Mann aus Frankreich, Vom grünen Rhonestrand; Goldsaaten, Rebenhügel Nannt’ er sein Vaterland.
Ein Andrer pries als Heimat Des Nordens Felsenwall, Die Gletscher Skandinaviens, Die Seen von Kristall.
Dort wo als ew’ger Leuchtthurm Vesuv, der hohe, glüht, Stand eines Dritten Wiege, Von Lorbern überblüht.
In deutsche Eichenforste, Auf grünen Alpenhang, Zu frischen Au’n der Donau Zog mich des Heimwehs Drang.
»Laßt hoch die Heimat leben! Nehmt All’ ein Glas zur Hand! Nicht Jeder hat ein Liebchen! Doch Jeder ein Vaterland!«
Und Jeder trank den Becher Mit flammendem Antlitz aus; Nur Einer starrte schweigend Weit in die See hinaus.
Ein Mann war’s aus Venedig, Der sprach in sich hinein: »Mein Vaterland, o Heimat, Du bist nur Wasser und Stein!
Einst glomm der Freiheit Sonne, Da lebt’ und sprach der Stein, Und tönte, wie Memnon’s Säule, Ins Morgenroth hinein!
Da wogte glühend das Wasser, Mit Purpur gürtend die Welt, Und Regenbogen schleudernd Hinauf ins Himmelszelt!
Warum bist du erloschen, Du schöner Sonnenschein? Warum bist du, o Heimat, Jetzt Wasser nur und Stein?«
Er schwieg und starrte lange Aufs Meer hin unverwandt, Und, unberührt noch, glänzte Das Glas in seiner Hand.
Jetzt, wie zum Todtenopfer, Goß er’s hinab ins Meer! Wie funkelnde Thränen stoben Die goldenen Tropfen umher.
Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Interpretation
Das Gedicht "Das Vaterland" von Anastasius Grün beschreibt eine bunte Schar von Reisenden, die mit vollen Segeln durch grüne Meeresfluten schweben. Jeder von ihnen preist seine eigene Heimat, sei es Frankreich mit seinen Rebenhügeln, die Felsenwälle des Nordens, die Gletscher Skandinaviens oder die Seen von Kristall. Ein Mann aus Deutschland zieht es in die deutschen Eichenforste und auf die grünen Alpenhänge. Sie trinken auf ihre Heimat und jeder hat ein Vaterland, auch wenn nicht jeder ein Liebchen hat. Doch einer von ihnen, ein Mann aus Venedig, starrt schweigend in die See hinaus. In sich hinein sprechend, beklagt er, dass sein Vaterland nur noch Wasser und Stein ist. Einst leuchtete die Freiheit wie die Sonne, und der Stein lebte und sprach, wie Memnon's Säule, in das Morgenrot hinein. Das Wasser wogte glühend, mit Purpur die Welt gürtend, und Regenbogen schleudernd hinauf ins Himmelszelt. Doch warum ist die schöne Sonne erloschen? Warum ist die Heimat jetzt nur noch Wasser und Stein? Der Mann aus Venedig schweigt und starrt lange aufs Meer, während das Glas in seiner Hand unberührt glänzt. Schließlich gießt er den Inhalt des Glases hinab ins Meer, wie zu einem Totenopfer. Die goldenen Tropfen funkeln wie Tränen, die umhersprudeln. Das Gedicht verdeutlicht die Sehnsucht nach einer verlorenen Heimat und den Schmerz über den Verlust von Freiheit und Schönheit.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Anapher
- Da war ein Mann aus Frankreich, Ein Andrer pries als Heimat, Dort wo als ew'ger Leuchtthurm
- Enjambement
- Wir schwebten mit vollen Segeln Durch grüne Meeresfluth
- Kontrast
- Nur Einer starrte schweigend Weit in die See hinaus
- Personifikation
- Ein Völklein, wie es heute Der Wind zusammensät