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Das Vaterland

Von

An stillem Sommermorgen walle
So gern ich durch die Einsamkeit,
Wo sich des Tempels Säulenhalle,
Dem Göttervater einst geweiht,
Wo sich in tausendjähr′ger Trauer
Der Eintracht nun zertrümmert Haus,
Des Kapitoles ew′ge Dauer,
Aus Schutt erhebt und ödem Graus.

Gern blick′ ich, wenn der Dämm′rung Schleier
Die sieben Hügel schon umwebt,
Dem Grabe mächtiger und freier
Der Geist des Alterthums entschwebt,
Hinunter in die dunkeln Tiefen,
Wo mir, zum ernsten Freund erwählt,
Von jenen Helden, die entschliefen,
Der alte Tibergott erzählt.

Gern wandl′ ich auf verlassnen Wegen,
Die kaum ein trüber Schein erhellt,
Mit schauderndem Gefühl entgegen
Des Colosseums Trümmerwelt;
Wenn furchtsam von den wilden Schrecken
Des schwarzen Ungethüms verscheucht,
Der scheue Mond, sich zu verstecken,
In einer Wolke Schooß entfleucht.

Oft daß der furchtbaren Gestalten
Ehrwürd′ger Ernst mein Herz erfüllt,
Und mir der Gottheit strafend Walten
Ihr hoher Sehergeist enthüllt,
Wenn Michel Angelos Propheten
Gleich Stürmen aus den Himmeln wehn,
Und bei des Weltgerichts Trompeten
Die Todten aus dem Grab erstehn.

Oft daß ich selig mich erhebe
In Tabors heiligem Gesicht,
Daß ich dem sanften Geist erbebe,
Der überstrahlt von reinem Licht,
Mit Gottes glanzumflossnem Sohne,
Von seinen Jüngern treu verehrt,
Im Angesicht vor Gottes Throne,
Der Erd′ entschwebend, sich verklärt.

Ich sah wie vom begrünten Saume
Der Felswand in gewalt′ger Wuth
Dumpfdonnernd in zerstäubtem Schaume
Hinunterbraust des Anio Fluth,
Wie tief in uralt finstern Klüften
Der Meergott in den Wassern rauscht,
Und oben in den milden Lüften
Im Tempel die Sibylle lauscht.

Wenn endlich an Dianens Bade
Durch Alba′s duft′gen Veilchenwald,
Fernhin das blumige Gestade,
Das Echo Jubel wiederhallt,
Durchs Schattenlaub, o welch Entzücken!
Des Abends goldner Regen träuft,
Durch blendend helle Blätterlücken
Der Blick zum nahen Meere schweift, –

Doch ohne Zagen, ohne Schwanken,
Weih′ ich selbst in Elysium
Nur Einem herrlichen Gedanken
Mein Herz zum treuen Heiligthum,
Ob mir der Zauber aller Fernen
Und aller Meere sich erschließt,
Doch glaub′ ich, daß ihn fliehn zu lernen
Auf dieser Welt kein Lethe fließt.

Du bist es, große theure Wiege,
Ach einst mein einzig Paradies,
Du Heimath schwer errungner Siege,
Die ich voll bittern Grams verließ,
O Mutter, die vom eignen Sohne
So schrecklich zürnend los sich wand,
Verschließe meinem Klagetone
Dein Ohr nicht, deutsches Vaterland!

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Gedicht: Das Vaterland von Wilhelm Friedrich Waiblinger

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Das Vaterland“ von Wilhelm Friedrich Waiblinger ist eine komplexe Auseinandersetzung mit dem Thema Heimat und Sehnsucht, eingebettet in eine Landschaft der Antike und religiöser Erhabenheit. Der Dichter verbindet die Schönheit der römischen Ruinen und Natur mit der Sehnsucht nach dem verlorenen Vaterland, einem Ideal, das mit bittersüßer Wehmut verbunden ist.

In den ersten Strophen beschreibt Waiblinger seine Vorliebe für die Einsamkeit und die historischen Orte Roms. Er wandert durch die Überreste des antiken Reiches, betrachtet die Tempel und Ruinen, die von vergangener Größe und tragischer Geschichte zeugen. Der Dichter evoziert Bilder von Göttern, Helden und der Natur, die miteinander verschmelzen. Die Beschreibungen sind reich an Symbolik und Anspielungen auf die römische Mythologie, die das Gedicht mit einer Aura der Ehrfurcht und Nostalgie umgeben. Er scheint sich in dieser Welt wohlzufühlen, doch es ist eine flüchtige Schönheit, die durch die übergeordnete Sehnsucht nach dem wahren Vaterland getrübt wird.

Die Mitte des Gedichts ist von religiösen Bildern geprägt. Waiblinger versetzt sich in die Szenerie des biblischen Geschehens, erlebt die Erscheinung Christi und des Weltgerichts. Diese Passagen unterstreichen die innere Zerrissenheit des Dichters, seine Suche nach transzendenten Werten und seine Hoffnung auf Erlösung. Die Erhebung im Angesicht Gottes lässt auf einen inneren Konflikt schließen, der durch die Sehnsucht nach der irdischen Heimat verstärkt wird. Das religiöse Element dient als Kontrapunkt zur irdischen Welt und verdeutlicht die Suche nach etwas, das über das Materielle hinausgeht.

In den letzten Strophen wird die zentrale Thematik des Gedichts explizit: die Sehnsucht nach dem deutschen Vaterland. Trotz der Schönheit Roms und der Erhabenheit der religiösen Bilder kann der Dichter die Verbindung zu seinem wahren Zuhause nicht vergessen. Er schwört sogar, im Elysium, einem Ort des Glücks, nur einem Gedanken treu zu bleiben – dem seiner Heimat. Die „große theure Wiege“, das deutsche Vaterland, wird als verlorenes Paradies bezeichnet, von dem er sich trennen musste. Die Anrede an die „Mutter“, die ihn verlassen hat, offenbart einen Schmerz über die Trennung und eine Hoffnung auf Versöhnung.

Waiblingers Gedicht ist ein Ausdruck von Heimatsehnsucht, die durch die Schönheit der Ferne noch verstärkt wird. Es ist eine Reflexion über die Bedeutung von Identität, Verlust und die Suche nach Zugehörigkeit. Die Kombination aus römischer Antike, religiöser Symbolik und der Sehnsucht nach dem Vaterland macht dieses Gedicht zu einem vielschichtigen und emotional bewegenden Werk. Es ist ein Appell an die Heimat, eine Bitte um Vergebung und ein Bekenntnis zur ewigen Verbundenheit mit dem verlorenen Paradies.

Weitere Informationen

Hier finden sich noch weitere Informationen zu diesem Gedicht und der Seite.

Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.