Das Unlösbare
1821I
Eine Form, ein Hauch, ein Seelenschwingen Schied vom Äther, fiel aus lichtem Blau In des Sumpfes Schlamm und bleiern Grau, Wo kein Himmelslicht zu ihm kann dringen,
Und ein Engel, töricht und verirrt, Liess von Liebe sich ins Dunkel locken, Wilder Albdruck macht das Herz ihm stocken, Und er wehrt sich angstvoll und verwirrt,
Wie ein Schwimmer in der Nacht, o Grausen! Gegen eines Wirbelstroms Gewalt, Dessen Sang wie Sang von Narren schallt, Der im Kreis sich dreht mit tollem Brausen;
Und ein Mensch, behext von böser Macht, Will mit nutzlos hastigem Tasten fliehen Einen Ort, wo Wurm und Schlangen ziehen, Sucht umsonst die Tür in finstrer Nacht;
Ein Verdammter muss zum Abgrund steigen, Keine Lampe in der Hand er trägt, Fauler Dunst ihm feucht entgegenschlägt, Endlos sich die steilen Treppen neigen,
Scheussliches Getier harrt unten sein, Dessen wilden Blickes Phosphor funkeln Macht die schwarze Nacht noch schwärzer dunkeln, Macht nichts sichtbar als den Blick allein.
Im Polareis liegt ein Schiff gefangen, Wie in einer Schlinge von Kristall, Sucht vergebens in dem Riesenwall Nach dem Spalt, durch den es einst gegangen.
Bilder eines Lebens, welches nie Aus den Netzen des Geschicks zu lösen, Bilder, die da zeigen, dass dem Bösen Alles, was er tat, nach Wunsch gedieh.
II
Zweisamkeit, drin Licht und Dunkel streitet, Lebt im Herzen, das sein Spiegel ward! Born der Wahrheit klar und schwarz, drauf zart Eines Sterns blasszitternd Licht hingleitet.
Doch ein Leuchtturm, höhnend in der Nacht, Eine Fackel von des Satans Gnaden, Einziger Trost und Ruhm auf irren Pfaden Ist das Wissen um des Bösen Macht. Die Turmuhr
Turmuhr! Finstrer Gott, taub unsrem Flehen, Stumm dein Finger droht: »Erinnre dich!« Und das Leid, das einst mein Herz durchschlich, Fühl′ ich zitternd in mir neu erstehen.
Lust, die zarte, wird ins Weite fliehn, Wie ein Geist zu luftigen Gebäuden; Jeder Augenblick raubt von den Freuden, Die das Schicksal unsrem Los verliehn.
Viele hundert Mal durchraunt′s die Stunde Das »Erinnre dich!« – Insektengleich Schwirrt das Jetzt: »Ich bin das Einst zugleich, Saug′ dein Leben auf mit meinem Munde!«
Und »Remember« klingt′s »Esto memor« (Der metallne Mund kennt alle Klänge) »Die Minuten sind wie Felsengänge, Und aus jeder schlage Gold, o Tor!«
Spielern gleicht die Zeit, die immer wieder Spiel auf Spiel gewinnen, Schlag auf Schlag! Länger wird die Nacht und kurz dein Tag, Durstig ist die Schlucht, der Sand rinnt nieder.
Bald wird Zufall, göttlich blind und stumm, Wird die Tugend, die jungfräulich-scheue, Wird, o letztes Obdach, selbst die Reue Zu dir sprechen: »Stirb, die Zeit ist um!«
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Interpretation
Das Gedicht "Das Unlösbare" von Charles-Pierre Baudelaire thematisiert die Unentrinnbarkeit des Schicksals und die Allmacht des Bösen. In drei Strophen wird die Verstrickung des Menschen in ein unheilbares Dilemma geschildert. Ein Engel verfällt der Versuchung, ein Mensch gerät in einen unheilvollen Sog, ein Verdammter steigt in einen Abgrund hinab. Alle Versuche der Befreiung scheitern. In der zweiten Strophe wird das Leben als ein Ringen zwischen Licht und Dunkel, Gut und Böse dargestellt. Der Mensch ist hin- und hergerissen zwischen den beiden Polen. Letztlich jedoch triumphiert das Böse. Die dritte Strophe handelt von der Vergänglichkeit der Zeit und der Endlichkeit des Lebens. Die Turmuhr mahnt unaufhörlich zur Erinnerung an das eigene Sterben. Der Mensch ist dem unerbittlichen Lauf der Zeit ausgeliefert und muss am Ende dem Tod weichen. Baudelaire schildert in düsteren, apokalyptischen Bildern die ausweglose Situation des Menschen. Er ist dem Schicksal und dem Bösen ausgeliefert, kann sich ihnen nicht entziehen. Die Zeit nagt unaufhaltsam am Leben. Das Gedicht vermittelt eine nihilistische Weltsicht. Es gibt keinen Ausweg, keine Hoffnung auf Erlösung. Der Mensch ist dem Untergang geweiht. Baudelaires pessimistische Grundstimmung spiegelt sich in den düsteren Metaphern und Vergleichen wider. Engel, Mensch und Verdammter sind allesamt zum Scheitern verurteilt. Das Böse triumphiert am Ende. Das Gedicht ist Ausdruck einer tiefen Verzweiflung über die menschliche Existenz.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Gegen eines Wirbelstroms Gewalt
- Bildsprache
- Fauler Dunst ihm feucht entgegenschlägt
- Metapher
- Zu dir sprechen: »Stirb, die Zeit ist um!«
- Personifikation
- Wird, o letztes Obdach, selbst die Reue
- Vergleich
- Spielern gleicht die Zeit