Logo der Website, Schriftzug "Poesie Oase" mit Palmen umrandet.
, , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Das Unlösbare

Von

I

Eine Form, ein Hauch, ein Seelenschwingen
Schied vom Äther, fiel aus lichtem Blau
In des Sumpfes Schlamm und bleiern Grau,
Wo kein Himmelslicht zu ihm kann dringen,

Und ein Engel, töricht und verirrt,
Liess von Liebe sich ins Dunkel locken,
Wilder Albdruck macht das Herz ihm stocken,
Und er wehrt sich angstvoll und verwirrt,

Wie ein Schwimmer in der Nacht, o Grausen!
Gegen eines Wirbelstroms Gewalt,
Dessen Sang wie Sang von Narren schallt,
Der im Kreis sich dreht mit tollem Brausen;

Und ein Mensch, behext von böser Macht,
Will mit nutzlos hastigem Tasten fliehen
Einen Ort, wo Wurm und Schlangen ziehen,
Sucht umsonst die Tür in finstrer Nacht;

Ein Verdammter muss zum Abgrund steigen,
Keine Lampe in der Hand er trägt,
Fauler Dunst ihm feucht entgegenschlägt,
Endlos sich die steilen Treppen neigen,

Scheussliches Getier harrt unten sein,
Dessen wilden Blickes Phosphor funkeln
Macht die schwarze Nacht noch schwärzer dunkeln,
Macht nichts sichtbar als den Blick allein.

Im Polareis liegt ein Schiff gefangen,
Wie in einer Schlinge von Kristall,
Sucht vergebens in dem Riesenwall
Nach dem Spalt, durch den es einst gegangen.

Bilder eines Lebens, welches nie
Aus den Netzen des Geschicks zu lösen,
Bilder, die da zeigen, dass dem Bösen
Alles, was er tat, nach Wunsch gedieh.

II

Zweisamkeit, drin Licht und Dunkel streitet,
Lebt im Herzen, das sein Spiegel ward!
Born der Wahrheit klar und schwarz, drauf zart
Eines Sterns blasszitternd Licht hingleitet.

Doch ein Leuchtturm, höhnend in der Nacht,
Eine Fackel von des Satans Gnaden,
Einziger Trost und Ruhm auf irren Pfaden
Ist das Wissen um des Bösen Macht.
Die Turmuhr

Turmuhr! Finstrer Gott, taub unsrem Flehen,
Stumm dein Finger droht: »Erinnre dich!«
Und das Leid, das einst mein Herz durchschlich,
Fühl′ ich zitternd in mir neu erstehen.

Lust, die zarte, wird ins Weite fliehn,
Wie ein Geist zu luftigen Gebäuden;
Jeder Augenblick raubt von den Freuden,
Die das Schicksal unsrem Los verliehn.

Viele hundert Mal durchraunt′s die Stunde
Das »Erinnre dich!« – Insektengleich
Schwirrt das Jetzt: »Ich bin das Einst zugleich,
Saug′ dein Leben auf mit meinem Munde!«

Und »Remember« klingt′s »Esto memor«
(Der metallne Mund kennt alle Klänge)
»Die Minuten sind wie Felsengänge,
Und aus jeder schlage Gold, o Tor!«

Spielern gleicht die Zeit, die immer wieder
Spiel auf Spiel gewinnen, Schlag auf Schlag!
Länger wird die Nacht und kurz dein Tag,
Durstig ist die Schlucht, der Sand rinnt nieder.

Bald wird Zufall, göttlich blind und stumm,
Wird die Tugend, die jungfräulich-scheue,
Wird, o letztes Obdach, selbst die Reue
Zu dir sprechen: »Stirb, die Zeit ist um!«

Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Gedicht: Das Unlösbare von Charles-Pierre Baudelaire

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Das Unlösbare“ von Charles-Pierre Baudelaire ist eine düstere und beklemmende Reflexion über die Unausweichlichkeit des Schicksals, die Macht des Bösen und die Vergeblichkeit menschlichen Strebens. Es besteht aus zwei Teilen, die jeweils eine Reihe von Bildern präsentieren, die auf unterschiedliche Weise die Hoffnungslosigkeit und das Eingeschlossensein des Individuums verdeutlichen. Das Gedicht ist reich an Symbolik und verwendet eine dichte, bildhafte Sprache, um eine Atmosphäre der Verzweiflung und des Untergangs zu erzeugen.

Der erste Teil entwirft eine Reihe von allegorischen Bildern: ein vom Himmel fallendes Wesen, ein Engel im Abgrund, ein Mensch in der Finsternis, ein Schiff im Eis. Diese Bilder veranschaulichen das Scheitern des Einzelnen in verschiedenen Bereichen: spirituell, moralisch und physisch. Das wiederkehrende Motiv der Unmöglichkeit, aus einem Gefängnis zu entkommen – sei es der Sumpf, die Finsternis, das Eis oder das Schicksal selbst – unterstreicht die zentrale These des Gedichts: dass der Mensch dem Zugriff des Bösen und der Zwänge des Schicksals hilflos ausgeliefert ist. Die Verwendung von Begriffen wie „Verdammter“, „Abgrund“ und „scheussliches Getier“ verstärkt den Eindruck des Grauens und der Hoffnungslosigkeit. Der letzte Vers des ersten Teils fasst diese Thematik zusammen, indem er die Bilder eines Lebens zusammenfasst, das „nie aus den Netzen des Geschicks zu lösen“ ist.

Der zweite Teil setzt die düstere Stimmung fort, indem er das Thema der Vergänglichkeit und der Macht des Bösen durch die Metapher der Turmuhr aufgreift. Die Turmuhr wird als „finstrer Gott“ dargestellt, der unerbittlich an die Zeit und die damit verbundene Unvermeidlichkeit des Todes erinnert. Die wiederholte Mahnung „Erinnre dich!“ unterstreicht die Erkenntnis, dass das Leben von Leid und Verlust geprägt ist. Die Metaphern von Insekten, die das Leben aussaugen, und von Gold, das aus der Zeit geschlagen werden soll, unterstreichen die zerstörerische Natur der Zeit. Die Zeit selbst wird als Spieler dargestellt, der immer gewinnt und den Menschen in die Enge treibt. Das Gedicht endet mit der Vorhersage des Todes, der durch die Ankunft von Reue und Tugend angekündigt wird, was die Unausweichlichkeit des Untergangs des Individuums verdeutlicht.

Insgesamt ist „Das Unlösbare“ ein erschütterndes Gedicht, das die tiefe Melancholie und den Pessimismus des Baudelaire’schen Weltbilds widerspiegelt. Durch seine reichhaltige Symbolik und seine düstere Sprache entwirft es ein Bild der menschlichen Existenz, das von Leid, Schuld und der Erkenntnis der Unentrinnbarkeit des Schicksals geprägt ist. Es ist ein Werk, das den Leser mit seiner dunklen Schönheit und seiner beunruhigenden Botschaft konfrontiert und ihn dazu zwingt, über die Grenzen des menschlichen Daseins nachzudenken. Das Gedicht ist ein Zeugnis für die Kraft der Poesie, die selbst die finstersten Aspekte des Lebens zum Ausdruck bringen und eine tiefgreifende emotionale Wirkung erzielen kann.

Weitere Informationen

Hier finden sich noch weitere Informationen zu diesem Gedicht und der Seite.

Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.