Das Unglück lieben
1905Das Unglück lieben - o das heißt, Durch Dorngestrüppe, das uns blutig, Das uns das Kleid vom Leibe reißt, Im Dunkel gehn, am Abgrund mutig; Es heißt nicht gehn im Sonnenschein, Jedoch auch leiden nicht allein.
Das Unglück lieben heißt, zugleich Verachtung, Spott und ohne Klagen, Gefaßt auf jeden Wetterstreich, Der Erde Doppellast ertragen, Dem süßen vorziehn bittern Trank Und ernten, ach, nur kargen Dank.
Das Unglück lieben heißt, ein Kind Mit heim von öder Straße nehmen, Beschützen vor dem rauhen Wind, Heißt, harten Sinn und Stolz beschämen, Selbst nicht vor Trotz und Widerstand Zurückziehn seine Retterhand.
Das Unglück lieben heißt, nicht Flaum Und weiche Polsterdecken lieben, Doch die, die umgehn wie im Traum, Die Ärmsten, die zurückgeblieben, Errettend wiederum hervor Geleiten, zu dem Glück empor.
Das Unglück lieben heißt, die Not Des Erdendaseins ganz empfinden, Die Ohnmacht vor dem Machtgebot, Dem kein Geschöpf sich kann entwinden, Heißt streifen an des Engels Flug, Der auf die Welt das Mitleid trug.
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Interpretation
Das Gedicht "Das Unglück lieben" von Hermann Lingg thematisiert die Idee, das Unglück nicht nur zu ertragen, sondern aktiv zu lieben und anzunehmen. Der Autor beschreibt das Unglück als einen Weg, der durch Dornengestrüpp führt, im Dunkeln und am Abgrund, aber auch als eine Gemeinschaftserfahrung, bei der man nicht allein leidet. Das Gedicht betont die Notwendigkeit, Verachtung und Spott zu ertragen, ohne zu klagen, und die Doppellast der Erde zu tragen. Es geht darum, den bitteren Trank dem süßen vorzuziehen und mit kargem Dank zufrieden zu sein. Das Unglück zu lieben bedeutet auch, sich um die Schwachen und Armen zu kümmern, sie vor dem rauen Wind zu schützen und ihnen zu helfen, zu dem Glück emporzuleiten. Das Gedicht beschreibt das Unglück als eine Möglichkeit, die Not des irdischen Daseins zu spüren und die Ohnmacht vor der Macht zu erkennen. Es geht darum, an den Flug des Engels zu streifen, der das Mitleid in die Welt trug. Insgesamt vermittelt das Gedicht die Botschaft, dass das Unglück nicht nur ertragen, sondern auch geliebt werden kann, da es uns die Möglichkeit gibt, Mitgefühl und Solidarität zu zeigen und uns mit den Schwachen und Armen zu verbinden.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Heißt streifen an des Engels Flug
- Hyperbel
- Heißt streifen an des Engels Flug, Der auf die Welt das Mitleid trug
- Metapher
- Der auf die Welt das Mitleid trug
- Personifikation
- Die Ohnmacht vor dem Machtgebot