Das unbekannte Grab
1897Halb schon verschüttet von dem weh′nden Sande Ragt einsam dies verfallne Grab; Die Sonne flammt darauf in lohem Brande, Wie vor Aeonen, noch herab.
In keinem Grashalm, nicht im dürrsten Moose Ringsum von Leben eine Spur; Weit dehnen sich bis in das Grenzenlose Der Himmel und die Wüste nur.
Und Bilder seh′ ich auf dem Stein und Zeichen In einer Schrift, die keiner kennt, Gestalten, die der Völker keinem gleichen, So viele die Geschichte nennt.
Wen birgt das Grabmal? Eines Königs Leiche, Der hier das Scepter schwang Und stolz hinunter sah auf seine Reiche Vom Aufgang bis zum Niedergang.
In Sprachen, nun jahrtausendlang verklungen, Ward ihm vielleicht Unsterblichkeit, Wie den Gesängen, drin sie ihn besungen, Von seinen Dichtern prophezeit.
Vielleicht - doch nein, nicht einen Laut mehr stammelt Von damals die Erinnerung, Und vor dem Staube, der sich hier gesammelt, Scheint jede andre Vorwelt jung.
Wer giebt mir Kunde von der Zeit, der langen, Die schon auf Erden war? Wer nennt mir eine, die nicht schon vergangen, Und wär′ es Platos Riesenjahr?
Selbst fühl′ ich hier das Haupt mir von der Schwinge Des Todesengels schon umkreist, Und schwindelnd in die große Nacht der Dinge Versinkt mit Zagen mir der Geist.
O Mensch, mit deinem Schaffen, deinem Streben, Du Opfer der Vergessenheit, Was zählst du deine Jahre? Nur im Leben, Allein im Tod ist keine Zeit.
Im Tod ist keine Zeit. Führt er als Beute Dich heute noch zum Hades ein, So wirst du in dem Schattenreich noch heute Gleich alt mit König Cheops sein.
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Interpretation
Das Gedicht "Das unbekannte Grab" von Adolf Friedrich Graf von Schack beschreibt ein verfallenes Grabmal in der Wüste, das von Sand bedeckt ist und keine Spuren von Leben aufweist. Der Sprecher betrachtet die fremden Symbole auf dem Stein und fragt sich, wen das Grab wohl birgt. Es könnte ein mächtiger König sein, der einst ein großes Reich regierte und von seinen Dichtern besungen wurde. Doch die Zeit hat alles verwischt und die Erinnerung an ihn ist verloren. Der Sprecher fühlt sich klein und bedeutungslos angesichts der Ewigkeit und des Vergessens. Er mahnt den Menschen, sich nicht an die Zeit zu klammern, denn im Tod gibt es keine Zeit mehr. Alle werden gleich alt sein, egal ob sie heute oder vor Jahrtausenden gestorben sind. Das Gedicht ist eine Meditation über die Vergänglichkeit und die Unausweichlichkeit des Todes.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Halb schon verschüttet von dem weh′nden Sande
- Anapher
- Vielleicht - doch nein, nicht einen Laut mehr stammelt
- Bildsprache
- Und schwindelnd in die große Nacht der Dinge
- Enjambement
- Halb schon verschüttet von dem weh′nden Sande / Ragt einsam dies verfallne Grab;
- Hyperbel
- Vom Aufgang bis zum Niedergang
- Kontrast
- Allein im Tod ist keine Zeit
- Metapher
- Die Sonne flammt darauf in lohem Brande
- Personifikation
- Der Himmel und die Wüste nur
- Rhetorische Frage
- Wer giebt mir Kunde von der Zeit, der langen
- Symbolik
- Das unbekannte Grab