Das Tugend-ersprießliche Unglück
1694Der blaue Himmel gibt nicht fruchtbar-sanfften Regen. Es treuffet keinen Thau der strahlende Mittag. Der schöne Demant auch zu nehren nicht vermag. man muß / will man zum Port / das Wasser ja bewegen. Die Traid-bekleidten Berg / nit Gold und Silber hegen. So kan die Tugend auch nit blühen sonder Plag. in gutem Glück sie grob ohn′ allen Glanz da lag / in Müh und Arbeit wolt der Höchst den Segen legen. im sauren Meer / und nicht im süssen wachs Palast / die theuren Perlein seyn. Also / in vollen Freuden wird keine Himmels Zier / kein Tugend / nicht gefasst: Ihr Balsam-Geist riecht nur im Schmerz-geritzten Leiden. Die Sonn müst / solt ein Land sie stets bescheinen / stehn. wann keine Nohtnacht wär / würd kein Lust-Sonn aufgehn.
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Interpretation
Das Gedicht "Das Tugend-ersprießliche Unglück" von Catharina Regina von Greiffenberg handelt von der Idee, dass Tugend und Wachstum oft durch Widrigkeiten und Leid gefördert werden. Die Dichterin verwendet verschiedene Naturbilder, um diese These zu verdeutlichen. Sie vergleicht die Tugend mit Pflanzen, die Regen und Tau benötigen, um zu gedeihen, und mit Bergen, die Gold und Silber in sich bergen. Ohne Herausforderungen und Mühen kann die Tugend nicht erblühen und bleibt grob und glanzlos. Im zweiten Teil des Gedichts betont die Autorin, dass wahre Schönheit und Tugend nur inmitten von Schmerz und Leiden zum Vorschein kommen. Sie vergleicht dies mit Perlen, die im sauren Meer entstehen, und mit dem Duft von Balsam, der nur in einem von Leiden durchdrungenen Geist wahrgenommen werden kann. Die Dichterin schließt mit dem Bild der Sonne, die nur dann aufgehen kann, wenn es auch dunkle Nächte gibt, und betont damit die Notwendigkeit von Kontrasten und Herausforderungen im Leben, um das Gute und Schöne zu erkennen und zu schätzen.
Schlüsselwörter
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Stilmittel
- Metapher
- wann keine Nohtnacht wär / würd kein Lust-Sonn aufgehn.
- Personifikation
- Der blaue Himmel gibt nicht fruchtbar-sanfften Regen.