Das Trauerspiel von Afghanistan

Theodor Fontane

1632

Der Schnee leis stäubend vom Himmel fällt, Ein Reiter vor Dschellalabad hält, “Wer da!” - “Ein britischer Reitersmann, Bringe Botschaft aus Afghanistan.”

Afghanistan! Er sprach es so matt; Es umdrängt den Reiter die halbe Stadt, Sir Robert Sale, der Kommandant, Hebt ihn vom Rosse mit eigener Hand.

Sie führen ins steinerne Wachthaus ihn, Sie setzen ihn nieder an den Kamin, Wie wärmt ihn das Feuer, wie labt ihn das Licht, Er atmet hoch auf und dankt und spricht:

“Wir waren dreizehntausend Mann, Von Kabul unser Zug begann, Soldaten, Führer, Weib und Kind, Erstarrt, erschlagen, verraten sind.

Zersprengt ist unser ganzes Heer, Was lebt, irrt draußen in Nacht umher, Mir hat ein Gott die Rettung gegönnt, Seht zu, ob den Rest ihr retten könnt.”

Sir Robert stieg auf den Festungswall, Offiziere, Soldaten folgten ihm all′, Sir Robert sprach: “Der Schnee fällt dicht, Die uns suchen, sie können uns finden nicht.

Sie irren wie Blinde und sind uns so nah, So lasst sie′s hören, dass wir da, Stimmt an ein Lied von Heimat und Haus, Trompeter blast in die Nacht hinaus!”

Da huben sie an und sie wurden′s nicht müd′, Durch die Nacht hin klang es Lied um Lied, Erst englische Lieder mit fröhlichem Klang, Dann Hochlandslieder wie Klagegesang.

Sie bliesen die Nacht und über den Tag, Laut, wie nur die Liebe rufen mag, Sie bliesen - es kam die zweite Nacht, Umsonst, dass ihr ruft, umsonst, dass ihr wacht.

“Die hören sollen, sie hören nicht mehr, Vernichtet ist das ganze Heer, Mit dreizehntausend der Zug begann, Einer kam heim aus Afghanistan.”

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Illustration zu Das Trauerspiel von Afghanistan

Interpretation

Das Gedicht "Das Trauerspiel von Afghanistan" von Theodor Fontane schildert ein tragisches Ereignis während des Ersten Anglo-Afghanischen Krieges. Es beginnt mit einem Reiter, der vor den Toren von Dschellalabad eintrifft und eine verheerende Nachricht aus Afghanistan überbringt. Der Kommandant, Sir Robert Sale, nimmt den erschöpften Reiter auf und erfährt von dem Schicksal der britischen Truppen. Die Interpretation des Gedichts zeigt die Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung der Situation. Sir Robert und seine Männer versuchen, die verstreuten Überlebenden durch das Blasen von Liedern aus der Heimat zu finden. Sie spielen englische und Hochlandslieder, in der Hoffnung, dass die Verlorenen den Weg zurück finden. Doch ihre Bemühungen bleiben vergeblich, und das Gedicht endet mit der traurigen Erkenntnis, dass nur ein einziger Mann von den ursprünglich dreizehntausend Soldaten zurückgekehrt ist. Fontane vermittelt in diesem Gedicht die Sinnlosigkeit und das menschliche Leid, das mit militärischen Konflikten einhergeht. Die Wiederholung der Zahl "dreizehntausend" am Anfang und am Ende des Gedichts unterstreicht die verheerende Bilanz des Feldzugs. Die Verwendung von Liedern als Symbol der Hoffnung und Verbundenheit mit der Heimat verleiht dem Gedicht eine emotionale Tiefe und betont die Tragik des Geschehens.

Schlüsselwörter

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Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Der Schnee leis stäubend vom Himmel fällt
Anapher
Sie bliesen die Nacht und über den Tag, Laut, wie nur die Liebe rufen mag, Sie bliesen - es kam die zweite Nacht
Bildsprache
Sir Robert stieg auf den Festungswall, Offiziere, Soldaten folgten ihm all′
Direkte Rede
"Wer da!" - "Ein britischer Reitersmann, Bringe Botschaft aus Afghanistan."
Enjambement
Sie führen ins steinerne Wachthaus ihn, Sie setzen ihn nieder an den Kamin
Hyperbel
Mit dreizehntausend der Zug begann, Einer kam heim aus Afghanistan
Kontrast
Erst englische Lieder mit fröhlichem Klang, Dann Hochlandslieder wie Klagegesang
Metapher
Afghanistan! Er sprach es so matt
Parallelismus
Sir Robert stieg auf den Festungswall, Offiziere, Soldaten folgten ihm all′
Personifikation
Der Schnee leis stäubend vom Himmel fällt
Symbolik
Trompeter blasts in die Nacht hinaus
Wiederholung
Sie bliesen die Nacht und über den Tag, Laut, wie nur die Liebe rufen mag, Sie bliesen - es kam die zweite Nacht