Das Spinnlein

Johann Peter Hebel

1760

Nei, lueget doch das Spinnli a, wie’s zarti Fäde zwirne cha! Bas Gvatter, meinsch, chasch’s au ne so? De wirsch mer’s, traui, blibe lo. Es macht’s so subtil und so nett, i wott nit, aß i ’s z’hasple hätt. Wo het’s die fini Riste gno, bi wellem Meister hechle lo? Meinsch, wemme ’s wüßt, wol mengi Frau, sie wär so gscheit, und holti au! Jez lueg mer, wie ’s si Füeßli sezt, und d’Ermel streift, und d’Finger nezt. Es zieht e lange Faden us, es spinnt e Bruck ans Nochbers Hus, es baut e Landstroß in der Luft, morn hangt sie scho voll Morgeduft, es baut e Fußweg nebe dra, ’s isch, aß es ehne dure cha. Es spinnt und wandlet uf und ab, potz tausig, im Galopp und Trab! Jez goht’s ringum, was hesch, was gisch! Siehsch, wie ne Ringli worden isch? Jez schießt es zarti Fäden i. Wird’s öbbe solle gwobe si? Es isch verstuunt, es haltet still, es weiß nit recht, wo ’s ane will, ’s goht weger zruck, i sieh’s em a; ’s muß näumis Rechts vergesse ha. ‘Zwor’, denkt es, ‘sel pressiert jo nit, i halt mi nummen uf dermit.’ Es spinnt und webt, und het kei Rast, so gliichlig, me verluegt si fast. Und ’s Pfarers Christoph het no gseit, ’s seig jede Fade zsemmegleit. Es mueß ein guti Auge ha, wer’s zehlen und erchenne cha. Jez puzt es sini Händli ab, es stoht, und haut der Faden ab. Jez sizt es in si Summerhus, und luegt die lange Stroßen us. Es seit: ‘Me baut si halber z’tod, doch freut’s ein au, wenn’s Hüsli stoht.’ In freie Lüfte wogt und schwankt’s, und an der liebe Sunne hangt’s; sie schint em frei dur d’Beinli dur, und ’s isch em wohl. In Feld und Flur sieht ’s Mückli tanze, jung und feiß; ’s denkt bi nem selber: ‘Hätti eis!’ O Tierli, wie hesch mi verzückt! Wie bisch so chlei, und doch so gschickt! Wer het di au die Sache glehrt? Denkwol der, wonis alli nährt, mit milde Händen alle git. Bis z’frieden! Er vergißt di nit. Do chunnt e Fliege, nei wie dumm! Sie rennt em schier gar ’s Hüsli um. Sie schreit und winslet Weh und Ach! Du arme Chetzer hesch di Sach! Hesch keine Auge bi der gha? Was göhn di üsi Sachen a? Lueg, ’s Spinnli merkt’s enanderno, es zuckt und springt und het si scho. Es denkt: ‘I ha viel Arbet gha, jez mußi au ne Brotis ha!’ I sag’s jo, der, wo alle git, wenn’s Zit isch, er vergißt ein nit.

Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Illustration zu Das Spinnlein

Interpretation

Das Gedicht "Das Spinnlein" von Johann Peter Hebel schildert das Leben und Wirken einer Spinne. Es beginnt mit der Bewunderung der zarten Fäden, die die Spinne spinnt, und fragt, ob man das auch könne. Die Spinne wird als geschickt und fleißig beschrieben, wie sie ihr Netz baut und dabei immer wieder neue Fäden spinnt. Der Dichter staunt über die Feinheit und Präzision ihrer Arbeit und fragt sich, wer ihr diese Kunst beigebracht hat. Die Spinne spinnt unermüdlich weiter, wobei sie manchmal verwirrt ist und nicht recht weiß, wo sie anfangen soll. Doch sie lässt sich nicht entmutigen und arbeitet weiter, bis ihr Werk vollendet ist. Der Dichter erwähnt, dass ein Pfarrer namens Christoph beobachtet hat, wie jede Faser des Netzes zusammengefügt wird und dass man ein gutes Auge braucht, um die vielen Fäden zu zählen und zu berechnen. Am Ende des Gedichts genießt die Spinne die Früchte ihrer Arbeit. Sie sitzt in ihrem Netz, das wie ein Sommerhaus für sie ist, und betrachtet die langen Straßen, die sie gesponnen hat. Sie freut sich über das fertige Werk, auch wenn es sie halb totgearbeitet hat. Die Spinne denkt an die Mücken, die im Freien tanzen, und wünscht sich, dass auch sie einmal so frei sein könnte. Der Dichter bewundert die Geschicklichkeit der Spinne und dankt dem Schöpfer, der allen Geschöpfen ihre Fähigkeiten gegeben hat. Als eine Fliege ins Netz gerät, zögert die Spinne nicht und ergreift ihre Beute, denn sie hat viel gearbeitet und nun verdient sie ihre Nahrung.

Schlüsselwörter

jez nit het isch hesch cha spinnt baut

Wortwolke

Wortwolke zu Das Spinnlein

Stilmittel

Alliteration
Es spinnt und wandlet uf und ab, potz tausig, im Galopp und Trab!
Bildsprache
In freie Lüfte wogt und schwankt's, und an der liebe Sunne hangt's;
Hyperbel
Es baut e Landstroß in der Luft, morn hangt sie scho voll Morgeduft.
Metapher
Es spinnt und webt, und het kei Rast, so gliichlig, me verluegt si fast.
Personifikation
Es macht's so subtil und so nett, i wott nit, aß i 's z'hasple hätt.
Rhetorische Frage
Bas Gvatter, meinsch, chasch's au ne so?
Symbolik
Und 's Pfarers Christoph het no gseit, 's seig jede Fade zsemmegleit.