Das Spiel
1821In schäbigen Sesseln frechgeschminkte Weiber, In deren Blick ein süsslich Lächeln girrt, Geziert bewegen sie die magren Leiber, Juwel und Gold an ihren Ohren klirrt.
Am Spieltisch rings Gesichter fahl, verbissen. Zahnlose Kiefer, leichenblass der Mund, Zitternde Finger, hin und her gerissen, Fiebrisch durchwühlend leerer Taschen Grund.
Am schmutzigen Plafond die bleichen Lichter Erhellen nur mit einer trüben Glut Die finstren Stirnen der berühmten Dichter, Die hier vergeuden ihren Schweiss, ihr Blut.
Dies ist das schwarze Bild, das oft in Träumen Vor meinem klaren Blick mich selbst enthüllt, Ich seh′ mich stumm und kalt in schmutzigen Räumen Die Arme aufgestützt, von Neid erfüllt.
Voll Neid auf dieser Männer zähe Triebe, Auf dieser Weiber finstre Lustigkeit, Die schamlos hier verkaufen ihre Liebe Und eines alten Ruhms Unsterblichkeit.
Wirr schreck′ ich auf. – Wie könnt′ ich sie beneiden, Die ′s in den Abgrund reisst mit blinder Wut, Die lieber Qualen als den Tod erleiden Und lieber als das Nichts der Hölle Glut.
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Interpretation
Das Gedicht "Das Spiel" von Charles-Pierre Baudelaire beschreibt eine düstere Szene in einem verrauchten Raum, in dem sich verkommene Menschen versammeln. Die schäbig geschminkten Frauen und die blassen, verbissenen Männer am Spieltisch werden in drastischen Bildern dargestellt. Die Dichter, die hier ihre Zeit vergeuden, werden als blasse Gestalten gezeigt, deren Stirnen von der finsteren Atmosphäre erhellt werden. Baudelaire selbst erscheint in seinen Träumen als stummer, kalter Beobachter inmitten dieser schmutzigen Räume, erfüllt von Neid auf die "zähen Triebe" der Männer und die "finstere Lustigkeit" der Frauen. Der Neid des lyrischen Ichs richtet sich auf die scheinbare Leidenschaft und Unbekümmertheit dieser Menschen, die ihre Liebe und ihren Ruhm schamlos verkaufen. Doch dieser Neid ist trügerisch, denn das Gedicht zeigt, dass diese Menschen in einen Abgrund der Selbstzerstörung gerissen werden. Sie ziehen Qualen und die Hölle dem Nichts vor, was auf eine tiefe Verzweiflung und den Verlust jeglicher Hoffnung hindeutet. Baudelaire kritisiert in diesem Gedicht die dekadente Gesellschaft seiner Zeit, in der Menschen ihre Würde und Menschlichkeit für kurzfristige Vergnügungen aufgeben. Das Spiel am Tisch symbolisiert die selbstzerstörerischen Tendenzen und die Aussichtslosigkeit, die das Leben dieser Figuren bestimmen. Das lyrische Ich, das zunächst von Neid erfüllt ist, erkennt am Ende die Tragik dieser Existenz und schreckt auf, als es die wahre Natur dieses "Spiels" erkennt.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Bildsprache
- Zitternde Finger, hin und her gerissen
- Frage
- Wie könnt′ ich sie beneiden
- Kontrast
- Am Spieltisch rings Gesichter fahl, verbissen
- Metapher
- Und lieber als das Nichts der Hölle Glut
- Personifikation
- In deren Blick ein süsslich Lächeln girrt