Das Spiegelbild
1813Schaust du mich an aus dem Kristall, Mit deiner Augen Nebelball, Kometen gleich die im Verbleichen; Mit Zügen, worin wunderlich Zwei Seelen wie Spione sich Umschleichen, ja, dann flüstre ich: Phantom, du bist nicht meinesgleichen!
Bist nur entschlüpft der Träume Hut, Zu eisen mir das warme Blut, Die dunkle Locke mir zu blassen; Und dennoch, dämmerndes Gesicht, Drin seltsam spielt ein Doppellicht, Trätest du vor, ich weiß es nicht, Würd′ ich dich lieben oder hassen?
Zu deiner Stirne Herrscherthron, Wo die Gedanken leisten Fron Wie Knechte, würd′ ich schüchtern blicken; Doch von des Auges kaltem Glast, Voll toten Lichts, gebrochen fast, Gespenstig, würd′, ein scheuer Gast, Weit, weit ich meinen Schemel rücken.
Und was den Mund umspielt so lind, So weich und hülflos wie ein Kind, Das möcht′ in treue Hut ich bergen; Und wieder, wenn er höhnend spielt, Wie von gespanntem Bogen zielt, Wenn leis′ es durch die Züge wühlt, Dann möcht′ ich fliehen wie vor Schergen.
Es ist gewiß, du bist nicht ich, Ein fremdes Dasein, dem ich mich Wie Moses nahe, unbeschuhet, Voll Kräfte die mir nicht bewußt, Voll fremden Leides, fremder Lust; Gnade mir Gott, wenn in der Brust Mir schlummernd deine Seele ruhet!
Und dennoch fühl′ ich, wie verwandt, Zu deinen Schauern mich gebannt, Und Liebe muß der Furcht sich einen. Ja, trätest aus Kristalles Rund, Phantom, du lebend auf den Grund, Nur leise zittern würd′ ich, und Mich dünkt - ich würde um dich weinen!
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Interpretation
Das Gedicht "Das Spiegelbild" von Annette von Droste-Hülshoff thematisiert die ambivalente Beziehung zwischen der lyrischen Ich-Figur und ihrem Spiegelbild. Das Gedicht beginnt mit einer Beschreibung des Spiegelbildes, das das Ich mit einer Mischung aus Faszination und Abscheu betrachtet. Das Spiegelbild wird als "Phantom" bezeichnet, das nicht "meinesgleichen" ist, aber dennoch eine seltsame Ähnlichkeit aufweist. Die Ich-Figur fühlt sich von dem Spiegelbild angezogen und gleichzeitig abgestoßen, da es ihr eigenes, aber auch fremdes Selbst darstellt. Im zweiten Teil des Gedichts wird die Ambivalenz der Beziehung noch deutlicher. Die Ich-Figur beschreibt das Spiegelbild als etwas, das ihr "warmes Blut" und ihre "dunkle Locke" rauben könnte, aber auch als etwas, das sie faszinierend findet. Sie ist sich nicht sicher, ob sie das Spiegelbild lieben oder hassen würde, wenn es vor ihr stehen würde. Das Spiegelbild wird als etwas beschrieben, das ihr fremd und unheimlich ist, aber auch eine seltsame Anziehungskraft auf sie ausübt. Im dritten Teil des Gedichts wird die Beziehung zwischen der Ich-Figur und ihrem Spiegelbild noch komplexer. Die Ich-Figur beschreibt das Spiegelbild als etwas, das ihr "nicht bewußt" ist, aber dennoch in ihrer Brust "schlummernd" ruht. Sie fühlt sich dem Spiegelbild verbunden, aber auch ängstlich und unsicher. Das Gedicht endet mit der Aussage, dass die Ich-Figur um das Spiegelbild weinen würde, wenn es lebendig aus dem Spiegel treten würde. Dies deutet darauf hin, dass die Ich-Figur eine tiefe emotionale Verbindung zu ihrem Spiegelbild hat, aber auch von ihm überwältigt und verängstigt ist.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Bild
- aus Kristalles Rund
- Metapher
- Nur leise zittern würd′ ich
- Personifikation
- Wo die Gedanken leisten Fron Wie Knechte
- Vergleich
- So weich und hülflos wie ein Kind