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Das Skelett als Arbeitsmann

Von

I

In jenen anatomischen Räumen
Am Kai, wo in der Bretter Haft
Manch altes Buch liegt, leichenhaft
Und mumiengleich in tiefen Träumen,

Und Bilder, deren schwerer Sinn
Und eines alten Meisters Können,
Trotz ihres ernsten Stoffs uns gönnen,
Der Schönheit Anblick und Gewinn,

Dort sieht man – und das tiefe Grauen
Vor unsren letzten Rätseln schwillt –
Skelette sieht man, furchtbar Bild,
Arbeitern gleich das Feld bebauen.

II

Aus diesem Boden, drin ihr grabt,
Gesellen finster und ergeben,
Mit aller Kraft, die euch gegeben,
Mit allen Muskeln, die ihr habt,

Sagt, welche Ernte wird nun euer,
Ihr Sklaven, dem Verliess entflohn?
Sagt, welcher Pächter zahlt euch Lohn?
Und wem füllt ihr das Haus, die Scheuer ?

Zeigt ihr (ein Sinnbild unerhört
Für des zu rohen Schicksals Strenge)
Dass man selbst in des Grabes Enge
Uns den versprochnen Schlummer stört;

Dass uns das Nichts wird zum Verräter,
Dass alles, selbst der Tod, uns lügt,
Dass über uns vielleicht verfügt,
Im unbekannten Lande später

Nach einem unbekannten Pakt
Rastlos im störrischen Grund zu graben,
Den Spaten unterm Fuss zu haben,
Dem Fuss, der blutig, wund und nackt?

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Gedicht: Das Skelett als Arbeitsmann von Charles-Pierre Baudelaire

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Das Skelett als Arbeitsmann“ von Charles-Pierre Baudelaire ist eine düstere Reflexion über die Vergänglichkeit, die Sinnlosigkeit menschlicher Arbeit und die Allgegenwart des Todes. Es ist in zwei Strophen unterteilt, die jeweils die erschreckende Szene von Skeletten beschreiben, die wie Arbeiter in einem „anatomischen Raum“ ihrer Arbeit nachgehen und Fragen nach dem Sinn ihrer Bemühungen aufwerfen.

Die erste Strophe etabliert die Szenerie: ein „anatomischer Raum“ am Kai, wo alte Bücher und Gemälde von Meistern lagern. Dieser Ort dient als Rahmen für das Auftreten der Skelette, die wie Arbeiter auf dem Feld dargestellt werden. Baudelaire erzeugt sofort eine Atmosphäre des Grauens und der Faszination vor den „letzten Rätseln“ des Lebens, wobei die Skelette als Sinnbild für die Unvermeidlichkeit des Todes und die Vergänglichkeit des menschlichen Daseins dienen. Die Gegenüberstellung von Kunst und Tod, Schönheit und Verfall, deutet bereits auf die zentrale Thematik der Vergeblichkeit menschlicher Bestrebungen hin.

Die zweite Strophe vertieft die düstere Botschaft. Baudelaire richtet sich direkt an die Skelette, die nun zu „Gesellen“ und „Sklaven“ werden, und stellt Fragen nach ihrer Arbeit, ihrer Ernte und ihrem Lohn. Diese Fragen, die unbeantwortet bleiben, unterstreichen die Sinnlosigkeit ihrer endlosen Tätigkeit. Die Metapher des Grabens, der Arbeit im Boden, wird erweitert, um die Vorstellung zu erzeugen, dass selbst im Tod keine Ruhe gefunden werden kann. Die Skelette scheinen durch einen „unbekannten Pakt“ dazu verdammt zu sein, rastlos zu arbeiten, ein Bild, das die Angst vor dem Nichts und der Unausweichlichkeit der menschlichen Existenz verstärkt.

Die Sprache Baudelaires ist von einer düsteren Eleganz geprägt. Er verwendet Bilder von Grab, Boden, Spaten und nackten Füßen, um ein Gefühl von körperlicher Anstrengung und Verfall zu vermitteln. Der Reim und der Rhythmus tragen zur beklemmenden Atmosphäre bei und betonen die Monotonie und Hoffnungslosigkeit der dargestellten Szene. Durch die Verbindung von Arbeit und Tod, von menschlicher Anstrengung und ihrer letztendlichen Bedeutungslosigkeit, entlarvt Baudelaire die Illusionen, die wir uns über den Sinn des Lebens machen, und konfrontiert uns mit der kalten Realität des Nichts.

Weitere Informationen

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Lizenz und Verwendung

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