Das Skelett als Arbeitsmann

Charles-Pierre Baudelaire

1821

I

In jenen anatomischen Räumen Am Kai, wo in der Bretter Haft Manch altes Buch liegt, leichenhaft Und mumiengleich in tiefen Träumen,

Und Bilder, deren schwerer Sinn Und eines alten Meisters Können, Trotz ihres ernsten Stoffs uns gönnen, Der Schönheit Anblick und Gewinn,

Dort sieht man – und das tiefe Grauen Vor unsren letzten Rätseln schwillt – Skelette sieht man, furchtbar Bild, Arbeitern gleich das Feld bebauen.

II

Aus diesem Boden, drin ihr grabt, Gesellen finster und ergeben, Mit aller Kraft, die euch gegeben, Mit allen Muskeln, die ihr habt,

Sagt, welche Ernte wird nun euer, Ihr Sklaven, dem Verliess entflohn? Sagt, welcher Pächter zahlt euch Lohn? Und wem füllt ihr das Haus, die Scheuer ?

Zeigt ihr (ein Sinnbild unerhört Für des zu rohen Schicksals Strenge) Dass man selbst in des Grabes Enge Uns den versprochnen Schlummer stört;

Dass uns das Nichts wird zum Verräter, Dass alles, selbst der Tod, uns lügt, Dass über uns vielleicht verfügt, Im unbekannten Lande später

Nach einem unbekannten Pakt Rastlos im störrischen Grund zu graben, Den Spaten unterm Fuss zu haben, Dem Fuss, der blutig, wund und nackt?

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Illustration zu Das Skelett als Arbeitsmann

Interpretation

Das Gedicht "Das Skelett als Arbeitsmann" von Charles-Pierre Baudelaire beschreibt eine düstere Szenerie in anatomischen Räumen, in denen alte Bücher und Bilder von Meistern aufbewahrt werden. Die Atmosphäre ist von einem tiefen Grauen geprägt, da Skelette zu sehen sind, die wie Arbeiter das Feld bestellen. Diese Skelette symbolisieren den ewigen Kreislauf des Lebens und des Todes, in dem auch nach dem Tod die Arbeit nicht aufhört. In der zweiten Strophe richtet sich der Blick auf die Skelette selbst, die mit aller Kraft und allen Muskeln arbeiten. Die Frage nach der Ernte, dem Lohn und dem Pächter wird gestellt, um die Sinnlosigkeit ihrer Arbeit zu unterstreichen. Die Skelette sind Sklaven, die aus dem Verlies geflohen sind, aber immer noch gefangen in der ewigen Arbeit sind. Das Bild des Skeletts als Arbeitsmann wird als unerhörtes Sinnbild für die Härte des Schicksals interpretiert, da selbst im engen Grab der versprochene Schlaf gestört wird. Die letzte Strophe verdeutlicht die Täuschung und das Lügen des Nichts und des Todes. Es wird die Möglichkeit aufgezeigt, dass nach einem unbekannten Pakt im unbekannten Land weiterhin gerastlos im störrischen Grund gegraben werden muss. Der Spaten wird zum ständigen Begleiter des Fußes, der blutig, wund und nackt ist. Das Gedicht verdeutlicht die Endlosigkeit des Leidens und der Arbeit, selbst über den Tod hinaus, und hinterfragt die Sinnhaftigkeit des Daseins.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Alliteration
Mit aller Kraft, die euch gegeben
Bildsprache
In jenen anatomischen Räumen Am Kai, wo in der Bretter Haft
Frage
Sagt, welche Ernte wird nun euer
Hyperbel
Dass uns das Nichts wird zum Verräter
Metapher
Skelette sieht man, furchtbar Bild, Arbeitern gleich das Feld bebauen
Personifikation
Dem Fuss, der blutig, wund und nackt
Symbolik
Skelette als Symbol für den Tod und die Vergänglichkeit