Das schönere Land
1815So willst Du nun die traute Heimath fliehen, Wo Dir des Lebens Morgenroth getagt? - In fern entlegne Länder willst Du ziehen, Weil Dir das Schicksal manchen Wunsch versagt? So nimm den Wanderstab und suche Frieden - Die Ferne lindre Deinen bittern Schmerz, Und giesse sanft, was hier Dir nicht beschieden, Der Freuden Fülle in Dein sehnend Herz.
»Mit Zuversicht hoff′ ich sie dort zu finden, Denn einem schönern Lande eil′ ich zu; Dort weicht die Nacht vom trüben Blick des Blinden, Dort lächelt dem Gequälten stille Ruh. Dort rieseln durch die Fluren Balsamquellen Und heilen mild den Wandrer der sich naht, Und eines lichtern Tages Strahlen hellen Mir dort den dornenlosen, heitern Pfad.«
Wie heisst das Land, das Dir so freundlich winket? Auch mir erdrückt manch′ banger Gram das Herz, Und nur durch graue Nebelwolken blinket Der Stern der Hoffnung matt in meinen Schmerz. Lass mich mit Dir das schöne Land erreichen, In welcher Ferne dämmert es empor? Ach einer Zauberinsel muss es gleichen, Die zum Asyl sich eine Fee erkohr.
»Bist Du entschlossen, muthig ihm zu nahen, So wirf gleich mir des Lebens Bürde ab. Dann wird es Dich in Himmelsglanz empfahen, Denn seine dunkle Pforte ist das Grab, Nicht schauerlich ist es hinab zu steigen, Gern sieht man ja das drückende Gewand Am müden Abend aufgelöst entweichen, Winkt süsse Ruh′ uns an des Schlummers Hand.«
»Der Körper ist ein Sohn der schweren Erde - Er sinkt zurück in seiner Mutter Schooss; Der Geist, befreit von irdischer Beschwerde, Ringt siegend sich zu ew′ger Dauer los, Und aufwärts strebend in die höhern Räume, Fühlt er nicht mehr den unbezwungnen Schmerz, Es fliehn des Lebens Bilder hin wie Träume Und seine Heimath winkt ihm himmelwärts.«
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Interpretation
Das Gedicht "Das schönere Land" von Charlotte von Ahlefeld handelt von der Sehnsucht nach einem besseren, schmerzfreien Leben und der Hoffnung auf ein Jenseits nach dem Tod. Die Sprecherin fragt jemanden, der seine Heimat verlassen will, warum er weglaufen möchte und schlägt vor, dass die Ferne den bitteren Schmerz lindern könnte. Der Abreisende antwortet, dass er ein schöneres Land sucht, wo Nacht und Leid nicht mehr existieren und Heilung und Ruhe herrschen. Die Sprecherin zeigt Interesse an diesem Land und fragt nach dessen Namen und Lage. Der Abreisende erklärt, dass man dieses Land nur erreichen kann, indem man das Leben hinter sich lässt, und dass der Tod die Pforte zu diesem Land ist. Der Tod wird als friedlicher Übergang dargestellt, vergleichbar mit dem Ablegen schwerer Kleidung am Abend und dem Hinübergleiten in den Schlaf. Das Gedicht endet mit einer Reflexion über die Natur von Körper und Geist. Der Körper, ein "Sohn der schweren Erde", kehrt nach dem Tod zu seiner Mutter Erde zurück, während der Geist, befreit von irdischen Beschwerden, zu ewiger Dauer gelangt. Der Geist strebt nach oben in höhere Räume, wo er keinen Schmerz mehr fühlt. Die Bilder des Lebens fliehen wie Träume, und die Heimat winkt himmelwärts. Das Gedicht vermittelt eine optimistische Sicht auf den Tod als Übergang zu einem besseren Dasein und als Befreiung von den Leiden des irdischen Lebens.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Hyperbel
- Und giesse sanft, was hier Dir nicht beschieden, Der Freuden Fülle in Dein sehnend Herz
- Metapher
- Seine Heimath winkt ihm himmelwärts
- Personifikation
- Die Ferne lindre Deinen bittern Schmerz