Das Schloß Boncourt
1827Ich träum als Kind mich zurücke, Und schüttle mein greises Haupt; Wie sucht ihr mich heim, ihr Bilder, Die lang ich vergessen geglaubt?
Hoch ragt aus schatt’gen Gehegen Ein schimmerndes Schloß hervor, Ich kenne die Türme, die Zinnen, Die steinerne Brücke, das Tor.
Es schauen vom Wappenschilde Die Löwen so traulich mich an, Ich grüße die alten Bekannten, Und eile den Burghof hinan.
Dort liegt die Sphinx am Brunnen, Dort grünt der Feigenbaum, Dort, hinter diesen Fenstern, Verträumt ich den ersten Traum.
Ich tret in die Burgkapelle Und suche des Ahnherrn Grab, Dort ist’s, dort hängt vom Pfeiler Das alte Gewaffen herab.
Noch lesen umflort die Augen Die Züge der Inschrift nicht, Wie hell durch die bunten Scheiben Das Licht darüber auch bricht.
So stehst du, o Schloß meiner Väter, Mir treu und fest in dem Sinn, Und bist von der Erde verschwunden, Der Pflug geht über dich hin.
Sei fruchtbar, o teurer Boden, Ich segne dich mild und gerührt, Und segn’ ihn zwiefach, wer immer Den Pflug nun über dich führt.
Ich aber will auf mich raffen, Mein Saitenspiel in der Hand, Die Weiten der Erde durchschweifen, Und singen von Land zu Land.
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Interpretation
Das Gedicht "Das Schloß Boncourt" von Adelbert von Chamisso handelt von der nostalgischen Rückkehr eines älteren Erzählers zu den Kindheitserinnerungen an ein einst prächtiges Schloss. Der Erzähler träumt sich in seine Jugend zurück und wird von den Bildern des Schlosses heimgesucht, die er längst vergessen glaubte. Er beschreibt die verschiedenen Elemente des Schlosses wie Türme, Zinnen, die steinene Brücke und das Tor sowie den Wappenschild mit den Löwen. Die Erinnerungen sind so lebendig, dass der Erzähler das Schloss fast wieder vor Augen hat und sich wie ein alter Bekannter fühlt, der die Umgebung begrüßt. Er erinnert sich an den Brunnen mit der Sphinx, den Feigenbaum und die Fenster, hinter denen er einst seine Träume verträumt hat. In der Burgkapelle sucht er das Grab seines Ahnherrn und findet das alte Wappen, das vom Pfeiler herabhängt. Doch die Inschrift kann er nicht mehr lesen, obwohl das Licht durch die bunten Scheiben scheint. Trotz der Tatsache, dass das Schloss von der Erde verschwunden ist und der Pflug darüber hinwegfährt, bleibt es dem Erzähler treu und fest im Sinn. Er segnet den Boden, auf dem das Schloss einst stand, und wünscht ihm Fruchtbarkeit. Der Erzähler beschließt, seine Saiten zu ergreifen und durch die Weiten der Erde zu ziehen, um von Land zu Land zu singen und seine Erinnerungen mit anderen zu teilen.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Anapher
- Dort liegt die Sphinx am Brunnen, Dort grünt der Feigenbaum, Dort, hinter diesen Fenstern
- Apostrophe
- Sei fruchtbar, o teurer Boden
- Bildsprache
- Hoch ragt aus schatt'gen Gehegen Ein schimmerndes Schloß hervor
- Kontrast
- Und bist von der Erde verschwunden, Der Pflug geht über dich hin
- Metapher
- Wie sucht ihr mich heim, ihr Bilder
- Personifikation
- Die Löwen so traulich mich an
- Symbolik
- Die Weiten der Erde durchschweifen