Das Scheiden

Leopold von Goeckingk

1780

Muss es einmal geschieden sein, Und ist das Scheiden Pflicht, So mehre deines Herzens Pein Durch langes Zögern nicht. O hätt′ ich selber dies bedacht, Als Morgens schon um vier Mein Liebchen, nach durchwachter Nacht, Anklopft′ an meine Tür. Fünf schlug es, und mit nassem Blick′ Ließ sie mich endlich gehn, Doch schluchzend rief sie mich zurück, Noch Einmal mich zu sehn. Hoch ging mein Busen, wie die See, Mein bleicher Mund ward stumm, Mein Aug′ erlosch bei Liebchens Weh, Und dreimal kehrt′ ich um. Warum gab ich dem Ruf′ Gehör? Warum war ich so schwach? Der ersten Trennung folgt nunmehr Vielleicht die letzte nach. Scheid′ ohne Abschied, wer einmal Vom Liebchen scheiden muss. Sonst wird ihr letztes Wort zur Qual, Zum Dolch ihr Abschiedskuss.

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Illustration zu Das Scheiden

Interpretation

Das Gedicht "Das Scheiden" von Leopold von Goeckingk handelt von der emotionalen Qual, die mit dem Abschied von einer geliebten Person einhergeht. Der Sprecher reflektiert über einen Moment, in dem er sich von seiner Liebsten trennen muss und wie das Zögern und die Verlängerung des Abschieds das Leid nur vergrößern. Die Struktur des Gedichts folgt dem Verlauf dieses Abschieds und zeigt die innere Zerrissenheit des Sprechers. Der erste Teil des Gedichts beschreibt die anfängliche Situation: Der Sprecher wird früh am Morgen von seiner Liebsten geweckt, die nach einer durchwachten Nacht an seine Tür klopft. Die Zeitangaben (vier und fünf Uhr) unterstreichen die Dringlichkeit und die emotionale Intensität des Moments. Die Liebste verlässt ihn schließlich mit Tränen in den Augen, doch ruft sie ihn zurück, um ihn noch einmal zu sehen. Dieses Hin und Her verdeutlicht die Schwierigkeit, sich endgültig zu trennen. Im zweiten Teil des Gedichts schildert der Sprecher seine emotionale Reaktion auf den Abschied. Sein Herz schlägt wie das Meer, sein Mund wird stumm, und sein Auge erlischt bei dem Schmerz seiner Liebsten. Er kehrt dreimal um, was seine Unfähigkeit zeigt, sich endgültig zu lösen. Der Sprecher hinterfragt anschließend sein eigenes Verhalten und bereut, dem Ruf seiner Liebsten Gehör geschenkt zu haben. Er fürchtet, dass diese erste Trennung möglicherweise die letzte sein könnte, was die Endgültigkeit und Tragik der Situation unterstreicht. Der letzte Teil des Gedichts enthält eine moralische Lehre: Wer sich von seiner Liebsten trennen muss, sollte dies ohne langes Zögern und ohne Abschied tun. Der Sprecher warnt davor, dass das letzte Wort zur Qual werden und der Abschiedskuss wie ein Dolch wirken kann. Diese Schlussfolgerung reflektiert die Erkenntnis, dass ein schneller, entschlossener Abschied weniger schmerzhaft ist als ein langes, emotionales Hin und Her.

Schlüsselwörter

einmal muss scheiden liebchen warum geschieden pflicht mehre

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Pflicht
Anapher
Warum gab ich dem Ruf′ Gehör? Warum war ich so schwach?
Hyperbel
Scheid′ ohne Abschied, wer einmal Vom Liebchen scheiden muss
Kontrast
Hoch ging mein Busen, wie die See, Mein bleicher Mund ward stumm
Metapher
Hoch ging mein Busen, wie die See
Personifikation
Und mit nassem Blick
Reimschema
AABB