Das Riesenspielzeug

Adelbert von Chamisso

1781

Burg Niedeck ist im Elsaß der Sage wohlbekannt. Die Höhe, wo vorzeiten die Burg der Riesen stand. Sie selbst ist nun verfallen, die Stätte wüst und leer. Du fragest nach den Riesen, du findest sie nicht mehr.

Einst kam das Riesenfräulein aus jener Burg hervor, Erging sich sonder Wartung und spielend vor dem Tor Und stieg hinab den Abhang bis in das Tal hinein, Neugierig zu erkunden, wie’s unten möchte sein.

Mit wen’gen raschen Schritten durchkreuzte sie den Wald Erreichte gegen Haslach das Land der Menschen bald Und Städte dort und Dörfer und das bestellte Feld Erschienen ihren Augen gar eine fremde Welt.

Wie jetzt zu ihren Füßen sie spähend nieder schaut, Bemerkt sie einen Bauern, der seinen Acker baut. Es kriecht das kleine Wesen einher so sonderbar. Es glitzert in der Sonne der Pflug so blank und klar.

“Ei artig Spielding!” ruft sie, “Das nehm ich mit nach Haus!” Sie knieet nieder, spreitet behend ihr Tüchlein aus Und feget mit den Händen, was da sich alles regt, Zu Haufen in ein Tüchlein, das sie zusammenschlägt;

Und eilt mit freud’gen Sprüngen - man weiß, wie Kinder sind - Zur Burg hinan und suchet den Vater auf geschwind: “Ei Vater, lieber Vater, ein Spielding wunderschön! So allerliebstes sah ich noch nie auf unsern Höhn.”

Der Alte saß am Tische und trank den kühlen Wein. Er schaut sie an behaglich, er fragt das Töchterlein: “Was Zappeliges bringst du in deinem Tuch herbei? Du hüpfest ja vor Freuden; laß sehen, was es sei!”

Sie spreitet aus das Tüchlein und fängt behutsam an, Den Bauern aufzustellen, den Pflug und das Gespann: Wie alles auf dem Tische sie zierlich aufgebaut, So klatscht sie in die Hände und springt und jubelt laut.

Der Alte wird gar ernsthaft und wiegt sein Haupt und spricht: “Was hast du angerichtet? Das ist kein Spielzeug nicht! Wo du es hergenommen, da trag es wieder hin! Der Bauer ist kein Spielzeug! Was kommt dir in den Sinn!

Sollst gleich und ohne Murren erfüllen mein Gebot, Denn wäre nicht der Bauer, so hättest du kein Brot. Es sprießt der Stamm der Riesen aus Bauernmark hervor; Der Bauer ist kein Spielzeug! Da sei uns Gott davor!”

Burg Niedeck ist im Elsaß der Sage wohlbekannt. Die Höhe, wo vorzeiten die Burg der Riesen stand. Sie selbst ist nun zerfallen, die Stätte wüst und leer, Und fragst du nach den Riesen, du findest sie nicht mehr.

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Illustration zu Das Riesenspielzeug

Interpretation

Das Gedicht "Das Riesenspielzeug" von Adelbert von Chamisso erzählt die Geschichte eines Riesenmädchens, das aus Neugier die Welt der Menschen erkundet. Es beobachtet einen Bauern bei der Feldarbeit und findet dessen Pflug und Gespann so faszinierend, dass es die winzigen Figuren als Spielzeug mit nach Hause nimmt. In der Burg angekommen, zeigt das Mädchen voller Freude seinen Fund dem Vater. Dieser reagiert jedoch sehr ernst und macht ihr klar, dass der Bauer kein Spielzeug ist. Er erklärt ihr, dass die Riesen von den Bauern abstammen und ohne sie kein Brot hätten. Der Vater fordert das Mädchen auf, den Bauer und seinen Pflug sofort an ihren ursprünglichen Ort zurückzubringen. Das Gedicht endet mit einer Wiederholung der Einleitung, in der es um die sagenumwobene Burg Niedeck im Elsaß geht. Die abschließenden Zeilen betonen, dass die Burg zerfallen und unbewohnt ist und die Riesen nicht mehr existieren. Chamisso verdeutlicht damit die Vergänglichkeit von Macht und die Bedeutung der bäuerlichen Arbeit für das Überleben aller.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Alliteration
Die Wiederholung des 's' Lautes in 'schnellen Schritten' und 'sonderbare Welt' erzeugt einen rhythmischen Effekt.
Anapher
Die Wiederholung von 'Burg Niedeck ist im Elsaß der Sage wohlbekannt' am Anfang und Ende des Gedichts betont die Bedeutung der Burg.
Hyperbel
Die Größe des Riesenmädchens wird übertrieben dargestellt, indem sie in der Lage ist, einen Bauern und seinen Pflug in ein Tuch zu fegen.
Ironie
Der Vater des Riesenmädchens erklärt, dass der Bauer kein Spielzeug ist, obwohl das Mädchen ihn als solchen behandelt hat.
Kontrast
Der Kontrast zwischen der 'wüsten und leeren' Stätte der ehemaligen Burg und der 'fremden Welt' der Menschen unterstreicht die Unterschiede zwischen den beiden Welten.
Metapher
Das Riesenfräulein wird als 'Spielding' bezeichnet, was eine metaphorische Beziehung zu einem Spielzeug herstellt.
Personifikation
Der Bauer wird als 'kleines Wesen' beschrieben, das 'kriecht', was menschliche Eigenschaften auf ein nicht-menschliches Wesen überträgt.
Reimschema
Das Gedicht folgt einem konsistenten Reimschema, was die musikalische Qualität des Textes verstärkt.
Symbolik
Der Bauer und sein Pflug symbolisieren die menschliche Zivilisation und die Abhängigkeit der Riesen von den Menschen.
Vergleich
Die Handlungen des Riesenmädchens werden mit denen von Kindern verglichen, die spielen.