Das Portal
1907I
Da blieben sie, als wäre jene Flut zurückgetreten, deren großes Branden an diesen Steinen wusch, bis sie entstanden; sie nahm im Falle manches Attribut.
aus ihren Händen, welche viel zu gut und gebend sind, um etwas festzuhalten. Sie blieben von den Formen in Basalten durch einen Nimbus, einen Bischofshut,
bisweilen durch ein Lächeln unterschieden, für das ein Antlitz seiner Stunden Frieden bewahrt hat als ein stilles Zifferblatt;
jetzt fortgerückt ins Leere ihres Tores, waren sie einst die Muschel eines Ohres und fingen jedes Stöhnen dieser Stadt. II
Sehr viele Weite ist gemeint damit: so wie mit den Kulissen einer Szene die Welt gemeint ist; und so wie durch jene der Held im Mantel seiner Handlung tritt: -
so tritt das Dunkel dieses Tores handelnd auf seiner Tiefe tragisches Theater, so grenzenlos und wallend wie Gott-Vater und so wie Er sich wunderlich verwandelnd
in einen Sohn, der aufgeteilt ist hier auf viele kleine beinah stumme Rollen, genommen aus des Elends Zubehör.
Denn nur noch so entsteht (das wissen wir) aus Blinden, Fortgeworfenen und Tollen der Heiland wie ein einziger Akteur. III
So ragen sie, die Herzen angehalten (sie stehn auf Ewigkeit und gingen nie); nur selten tritt aus dem Gefäll der Falten eine Gebärde, aufrecht, steil wie sie,
und bleibt nach einem halben Schritte stehn wo die Jahrhunderte sie überholen. Sie sind im Gleichgewicht auf den Konsolen, in denen eine Welt, die sie nicht sehn,
die Welt der Wirrnis, die sie nicht zertraten, Figur und Tier, wie um sie zu gefährden, sich krümmt und schüttelt und sie dennoch hält:
weil die Gestalten dort wie Akrobaten sich nur so zuckend und so wild gebärden, damit der Stab auf ihrer Stirn nicht fällt.
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Interpretation
Das Gedicht "Das Portal" von Rainer Maria Rilke beschäftigt sich mit dem Thema der Verwandlung und der Zeitlosigkeit. In der ersten Strophe wird ein Ort beschrieben, an dem sich Gestalten befinden, die von einer vergangenen Flut zurückgelassen wurden. Diese Gestalten sind von einer Art Heiligenschein oder Bischofshut umgeben, der sie von den Formen in den Basalten unterscheidet. Sie haben ihre Hände geöffnet, als wären sie zu gut und zu gebend, um etwas festzuhalten. Das Gedicht deutet an, dass diese Gestalten einst Teil des Lebens waren, aber jetzt in eine Art Zwischenzustand übergegangen sind. In der zweiten Strophe wird das Portal als eine Art Bühne beschrieben, auf der das Dunkel des Lebens als tragisches Theater auftritt. Das Dunkel wird mit Gott-Vater verglichen, der sich in einen Sohn verwandelt, der in viele kleine Rollen aufgeteilt ist. Das Gedicht deutet an, dass der Heiland nur noch als ein einziger Akteur aus Blinden, Fortgeworfenen und Tollen entstehen kann. In der dritten Strophe werden die Gestalten als Herzen beschrieben, die angehalten sind und auf Ewigkeit stehen. Sie sind im Gleichgewicht auf Konsolen, auf denen sich eine Welt der Wirrnis krümmt und schüttelt, die sie nicht zertraten. Die Gestalten werden mit Akrobaten verglichen, die sich zuckend und wild gebärden, um den Stab auf ihrer Stirn nicht fallen zu lassen. Das Gedicht deutet an, dass diese Gestalten in einem Zustand der Zeitlosigkeit gefangen sind und sich nicht weiterentwickeln können.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Metapher
- Gestalten dort wie Akrobaten
- Personifikation
- die Flut zurückgetreten