Das Persönliche

Kurt Tucholsky

1890

Schreib, schreib … Schreib von der Unsterblichkeit der Seele, vom Liebesleben der Nordsee-Makrele; schreib von der neuen Hauszinssteuer, vom letzten großen Schadenfeuer; gib dir Mühe, arbeite alles gut aus, schreib von dem alten Fuggerhaus; von der Differenz zwischen Mann und Weib … Schreib … schreib …

Schreib sachlich und schreib dir die Finger krumm: kein Aas kümmert sich darum.

Aber: schreibst du einmal zwanzig Zeilen mit Klatsch – die brauchst du gar nicht zu feilen. Nenn nur zwei Namen, und es kommen in Haufen Leser und Leserinnen gelaufen. “Wie ist das mit Fräulein Meier gewesen?” Das haben dann alle Leute gelesen. “Hat Herr Streuselkuchen mit Emma geschlafen?” Das lesen Portiers, und das lesen Grafen. “Woher bezieht Stadtrat Mulps seine Gelder? Das schreib – und dein Ruhm hallt durch Felder und Wälder.

Die Sache? Interessiert in Paris und in Bentschen keinen Menschen. Dieweil, lieber Freund, zu jeder Frist die Hauptsache das Persönliche ist.

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Illustration zu Das Persönliche

Interpretation

Das Gedicht "Das Persönliche" von Kurt Tucholsky kritisiert die Oberflächlichkeit und den Voyeurismus der Leserschaft. Tucholsky fordert den Leser auf, über verschiedene Themen zu schreiben, von der Unsterblichkeit der Seele bis hin zur Hauszinssteuer. Doch er betont, dass sich niemand für diese ernsthaften Themen interessiert. Stattdessen ziehen Klatschgeschichten und persönliche Angelegenheiten die Aufmerksamkeit auf sich. Die Menschen sind fasziniert von den intimen Details des Lebens anderer, sei es das Liebesleben von Fräulein Meier oder die Affäre zwischen Herrn Streuselkuchen und Emma. Tucholsky verdeutlicht, dass die Hauptsache für die Leser das Persönliche ist, unabhängig davon, ob es sich um eine Putzfrau oder einen Grafen handelt. Das Gedicht verdeutlicht die Diskrepanz zwischen der Bedeutung, die der Gesellschaft zugeschrieben wird, und dem tatsächlichen Interesse der Menschen. Tucholsky zeigt auf, dass selbst ernsthafte Themen wie die Herkunft des Geldes von Stadtrat Mulps weniger Aufmerksamkeit erhalten als persönliche Skandale. Der Ruhm, den man durch das Schreiben über persönliche Angelegenheiten erlangt, hallt weit und breit wider, während wichtige gesellschaftliche Themen kaum Beachtung finden. Das Gedicht verdeutlicht die Oberflächlichkeit und den Hang der Menschen zum Klatsch und Tratsch. Abschließend betont Tucholsky, dass die Hauptsache das Persönliche ist. Egal wo, ob in Paris oder in Bentschen, die Menschen sind mehr an den intimen Details des Lebens anderer interessiert als an ernsthaften Themen. Das Gedicht kritisiert die menschliche Natur und den Hang zum Voyeurismus, der oft wichtige gesellschaftliche Themen in den Hintergrund drängt.

Schlüsselwörter

schreib lesen unsterblichkeit seele liebesleben nordsee makrele neuen

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Woher bezieht Stadtrat Mulps seine Gelder?
Anapher
Schreib, schreib ... Schreib von der Unsterblichkeit der Seele, vom Liebesleben der Nordsee-Makrele; schreib von der neuen Hauszinssteuer, vom letzten großen Schadenfeuer; gib dir Mühe, arbeite alles gut aus, schreib von dem alten Fuggerhaus; von der Differenz zwischen Mann und Weib ... Schreib ... schreib ...
Enjambement
Die Sache? Interessiert in Paris und in Bentschen keinen Menschen.
Hyperbel
Das lesen Portiers, und das lesen Grafen.
Ironie
Nenn nur zwei Namen, und es kommen in Haufen Leser und Leserinnen gelaufen.
Kontrast
Schreib sachlich und schreib dir die Finger krumm: kein Aas kümmert sich darum. Aber: schreibst du einmal zwanzig Zeilen mit Klatsch – die brauchst du gar nicht zu feilen.
Metapher
dein Ruhm hallt durch Felder und Wälder.
Parallelismus
Leser und Leserinnen
Rhetorische Frage
Hat Herr Streuselkuchen mit Emma geschlafen?