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Das Pantheon

Von

Oft in der Mitternächte Schweigen
Pfleg′ ich mit leisem Geistertritt
Das Kapitol herabzusteigen,
Und schnell beflügelt sich mein Schritt,
Die dunkeln Wege wandl′ ich schnelle,
Die nur die tiefste Sehnsucht kennt,
Wo selten noch ein Lichtchen helle
Vorm Bild der Mutter Gottes brennt.

Da hör′ ich durch die düstre Stille,
In der so gern die Trauer sinnt,
Wie schon des Brunnens kühle Fülle
Ins Marmorbecken niederrinnt,
Und plötzlich – als erstünd′ es eben,
Ein hoher Geist, vom Grab empor –
O Götter Roms, ihr habt mein Leben!
Taucht′s herrlich aus der Nacht hervor.

O wie mit namenlosem Schauer
Hängt Herz und Auge da an dir,
Und wie voll schwermuthsvoller Trauer,
Voll heil′gem Ernst erscheinst du mir,
Du Stolz der Vorwelt und der Ahnen,
Du Riesenkind voll Majestät,
Von Völkerstürmen und Orkanen
Fast zwei Jahrtausende umweht,

Das sich, der dunkeln Macht der Horen,
Dem Schicksal seines Roms zum Spott,
Zum großen Liebling auserkoren
Dein alter heil′ger Donnergott,
Mein Tempel, und mein höchstes Sehnen
Der zarten Kindersehnsucht schon,
Du Opferschaale meiner Thränen,
Nun meine Braut, o Pantheon!

Mir ist, es sei dir zugeschworen,
Als wärest du mein größ′res Herz
Zur kühnen Schöpfung ausgeboren,
All mein Gesang mit seinem Schmerz,
Zum hohen Marmorbild geründet,
Der Götter Herrlichstem geweiht,
Auf ew′gen Säulen fest gegründet,
Und sein Altar Unsterblichkeit.

Der Wand′rer sieht mit sel′gen Blicken
Roms Forum in der Abendgluth,
Wo unter mächt′gen Tempelstücken
Der breitgehörnte Stier nun ruht,
Und sanft umblüht von frischem Grüne,
Durchstrahlt von Gold und Himmelblau,
Der Vorwelt furchtbarste Ruine,
Des Colosseums Riesenbau.

Doch flücht ich stets aus diesem Grause
Erinnrungsvoller Einsamkeit
Mich wieder zu dem Götterhause,
Wo eingehüllt in Dunkelheit,
Von tiefem Schatten nur gehoben,
Die stolze Säulenhalle blickt,
Und über seiner Wölbung oben
Mich nur ein einz′ger Stern entzückt.

Von Tasso′s Eiche seh′ ich gerne
Hinab, wo sich, gewaltig Rom,
Vom Tempel der Minerva ferne
Hinan bis zu Sankt Petri Dom
Dein ungeheures Bild entfaltet,
Und über grüner Pinien Pracht,
So unaussprechlich schön gestaltet,
Sabina′s Duftgebirge lacht!

Doch stillt mein Sehnen all und Hoffen,
Agrippa, nur dein Tempelrund,
Denn gastfrei allen Göttern offen,
Mit allen Himmlischen im Bund,
Ist ihm das ernste Herz willkommen,
Das für die alten Götter fühlt,
Und jetzt, ach nur zu oft beklommen
In deiner Nacht die Flamme kühlt.

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Gedicht: Das Pantheon von Wilhelm Friedrich Waiblinger

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Das Pantheon“ von Wilhelm Friedrich Waiblinger ist eine tiefgründige Hommage an das Pantheon in Rom, die von einer romantischen Sehnsucht, Trauer und Verehrung geprägt ist. Der Autor beschreibt in sieben Strophen seine nächtlichen Besuche des antiken Bauwerks und seine Gefühle, die er dabei erlebt. Der Text ist durchzogen von nostalgischen Elementen und der Wertschätzung des Verfalls der Vergangenheit.

Waiblinger beginnt das Gedicht mit der Beschreibung seiner nächtlichen Streifzüge zum Kapitol und zum Pantheon, wobei er die Stille und Dunkelheit als Rahmen für seine Kontemplation nutzt. Er beschreibt die Atmosphäre als geheimnisvoll und fast geisterhaft, was die Ehrfurcht vor dem Ort und der Geschichte unterstreicht. Das Pantheon wird als „Braut“ bezeichnet, was die tiefe emotionale Verbindung des Dichters mit dem Bauwerk verdeutlicht. Waiblinger vermischt hier die Faszination für die antike Welt mit seinem persönlichen Empfinden.

Das Pantheon wird als Ort der Erinnerung, der Sehnsucht und der Trauer dargestellt. Der Dichter sieht in dem Bauwerk eine Verkörperung der antiken Götter und der vergangenen Größe Roms. Die Betonung der „Tränen“ des Dichters und der „Schmerzen“ seines Gesangs deutet auf eine Melancholie hin, die mit der Vergänglichkeit und dem Verlust einhergeht. Die Beschreibung des Pantheons als „Opferschaale“ unterstreicht die religiöse Verehrung, die der Dichter diesem Ort entgegenbringt.

In den letzten Strophen wendet sich der Dichter von anderen römischen Sehenswürdigkeiten ab, um sich ausschließlich dem Pantheon zuzuwenden. Er findet dort Trost und Erfüllung, wobei das Pantheon als „größ′res Herz“ dargestellt wird. Die Anziehungskraft des Bauwerks liegt in seiner Gastfreundschaft für alle Götter, was eine Verbindung zu einer universalen Spiritualität suggeriert. Die „Flamme“, die der Dichter in der Nacht kühlt, kann als Metapher für die Hoffnung oder das innere Feuer verstanden werden, das im Pantheon seine Erfüllung findet.

Waiblingers Gedicht ist somit eine eindringliche Reflexion über die Macht der Vergangenheit, die Bedeutung von Erinnerung und die Suche nach spirituellem Halt in einer Welt, die von Vergänglichkeit geprägt ist. Das Pantheon wird hier zum Mittelpunkt einer tiefen emotionalen und ästhetischen Erfahrung, die den Dichter mit der Geschichte und den Göttern der Antike verbindet. Die romantische Verehrung des Bauwerks wird durch die melancholische Stimmung und die intensiven Metaphern des Dichters erlebbar gemacht.

Weitere Informationen

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Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.