Das Osterfeuer
1866Über die Haide ging ich, die Haide so weit und so breit, Mürrische Worte raunte ins Ohr mir die Einsamkeit.
Raunte von toten Zeiten, da hier noch der Urstier zog, Über dem Bruche der Adler himmelhoch kreisend flog;
Da der Grauhund, der grimme, Mordrunen ließ im Sand, Da noch das Elch, das starke, fiel von des Jägers Hand.
Da noch nicht welsche Weise Gut in Böse verkehrt, Wode und Frigga, die Hehren, standen hochgeehrt;
Da noch Mannesmut galt und nicht allein das Geld, Da mit dem blanken Schwert wahrte sein Recht der Held;
Nicht mit feigem Worte, und nicht mit billigem Eid; Also lehrte mich heimlich die Toteneinsamkeit.
Unsere Götter die hießen einstmals Liebe und Kraft, Kraft, die Leben erzeugt, Liebe, die Wonnen schafft.
Unser Gesetz war kurz, unser Gesetz war das: Liebe um Liebe, aber auch Haß um Haß.
Treuhand jedwedem Mann, der sich erwies als Freund, Bluthand dagegen dem Wicht, so sich da nahte als Feind.
Andere Zeiten zogen über das Haideland, Vor der tückischen Axt Wodes Lobewald schwand;
Frigga die freundliche Fraue wurde zur Hexe verkehrt, Jeglicher heilige Ort zur Greuelstätte entehrt;
Wodes edles Geflügel hieß Galgenvogel nun, Friggas schelmisches Eulchen schimpften sie Leichenhuhn;
Und die Dreizehn, die hohe Geheimniszahl, Unglücks- und Angstnummer wurd sie mit einem Mal.
Zwischen Eichen erhob sich ein einsames Strohdachhaus, Mährenhäupter reckte der moosige Giebel heraus;
Unter ihm aber nach freundlicher Altsitte noch Eingeschnitten als Herz starrte das Ulenloch.
An dem Missetürbalken, dem grauen, nach alter Weis′ Eingehauen und bunt prangte der heilige Kreis,
Und die Sonnenrune, die gute, daneben auch, Nach der Urvorväter ernsthaft beharrlichem Brauch.
Rechts und links von der schwarzblanken Feuerwand Wodes Schlachtroß mutig sich bäumend stand;
Gleich als wollte es lauthals mir wiehern zu: Noch trage Wode ich, Freund, noch trauest Frigga du.
Weiter ging ich über das dämmernde Land, Hinter dem rund und rot das gute Gestirn verschwand;
Ihm gegenüber weit hinter dem bräunlichen Bruch Eine glührote Flamme zum sternleeren Himmel schlug;
Vor dem nachtschwarzen Wald weiß stieg der Rauch empor, Bis er im Abendgewölke sich langsam verlor.
Und ich stand und stand und sah nach dem Feuerschein, Hörte der Mädchen Gejuche, der Jungkerle gellendes Schrei′n,
Und ich lachte und dachte: der Urväter fröhliche Art Hat sich trotz alldem mein Volk immer noch treulich bewahrt.
Immerdar lobt es noch nach der Vorväter schönem Brauch Seinen Gott mit Glühglut und weißem Wirbelrauch.
Immer noch blieb es, wie es vor Urzeiten war, Blau von Auge und Sinn, hell von Herzen und Haar.
Immer noch hielt es sich am Leibe und Geiste stark, Immer noch blieben gesund ihm Bein und Blut und Mark.
Über die Haide ging ich, die Haide so weit und breit, Fröhliche Worte raunte ins Ohr mir die Einsamkeit.
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Interpretation
Das Gedicht "Das Osterfeuer" von Hermann Löns beschreibt eine Reise durch die Heide, die zunächst von melancholischen Gedanken über vergangene Zeiten geprägt ist. Der Sprecher erinnert sich an eine Zeit, in der alte Götter wie Woden und Frigga verehrt wurden und Werte wie Mut und Ehre hochgehalten wurden. Doch diese Zeiten sind vorbei, die alten Götter wurden zu Hexen und Galgenvögeln, und die heiligen Orte entehrt. Dennoch findet der Sprecher Hoffnung und Freude, als er ein Osterfeuer entdeckt. Er erkennt, dass trotz aller Veränderungen die alten Bräuche und Werte in seinem Volk weiterleben. Das Osterfeuer symbolisiert die Verbindung zur Vergangenheit und die Bewahrung der ursprünglichen Art des Volkes. Der Sprecher freut sich über die Gesundheit und Reinheit seines Volkes, das sich an Körper und Geist stark erhalten hat. Das Gedicht endet mit einem positiven Ausblick. Die Einsamkeit, die zu Beginn noch mürrische Worte raunte, bringt nun fröhliche Worte hervor. Der Sprecher ist zuversichtlich, dass die alten Werte und Bräuche weiterhin Bestand haben werden. Das Osterfeuer steht als Symbol für die ungebrochene Verbindung zur Vergangenheit und die Hoffnung auf eine Zukunft, in der die ursprüngliche Art des Volkes bewahrt bleibt.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Blau von Auge und Sinn, hell von Herzen und Haar
- Allusion
- Wode und Frigga, die Hehren
- Anapher
- Immer noch
- Antithese
- Kraft, die Leben erzeugt, Liebe, die Wonnen schafft
- Chiasmus
- Liebe um Liebe, aber auch Haß um Haß
- Enjambement
- Da noch nicht welsche Weise Gut in Böse verkehrt, / Wode und Frigga, die Hehren, standen hochgeehrt
- Hyperbel
- Immer noch blieb es, wie es vor Urzeiten war
- Kontrast
- Fröhliche Worte raunte ins Ohr mir die Einsamkeit
- Metapher
- Bein und Blut und Mark
- Personifikation
- die Einsamkeit
- Symbolik
- das gute Gestirn
- Synästhesie
- Mürrische Worte raunte ins Ohr