Das Opfer
Diesmal sollst du noch entrinnen,
heil aus meinen Händen schlüpfen,
morgen werd ich dich einspinnen,
dich an meine Feder knüpfen,
nackt auf meine Feder spießen
werde ich dein kleines Herz,
Licht soll von ihm niederfließen
strömend ewig tiefenwärts,
schüren wirst du ihre Glut,
daß du meine Fackel wirst,
bis in unsrer Feuerflut
Feder sowie Herz zerbirst.
Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Kurze Interpretation des Gedichts
Das Gedicht „Das Opfer“ von Gustav Sack beschäftigt sich mit der komplexen Beziehung zwischen Schöpfer und Werk, hier speziell zwischen Dichter und Gedicht. Es ist ein düsteres, beinahe sadistisches Bekenntnis des Dichters, der sein Subjekt, vermutlich die Inspiration oder die eigene Seele, erst entkommen lässt, um es dann umso grausamer zu ergreifen und zu instrumentalisieren. Die Verwendung des Wortes „Opfer“ im Titel deutet bereits auf eine Opferung hin, die jedoch nicht im religiösen Sinne, sondern im künstlerischen Kontext verstanden werden muss.
In den ersten vier Versen wird eine gewisse Gnade angedeutet: „Diesmal sollst du noch entrinnen, / heil aus meinen Händen schlüpfen…“. Der Dichter gewährt seinem „Opfer“ einen Aufschub, eine vorübergehende Freiheit. Diese Freiheit wird jedoch durch die Ankündigung, es „morgen“ zu „einspinnen“ und an die „Feder zu knüpfen“ konterkariert. Die Metaphern der „Feder“ und des „Knüpfens“ verweisen auf den Akt des Schreibens, des Formens und des Erschaffens, aber auch auf die Gefangennahme des Subjekts durch den Künstler. Das „Entrinnen“ ist also nur eine kurzweilige Pause vor der endgültigen Vereinnahmung.
Die folgenden Verse enthüllen die eigentliche Grausamkeit der künstlerischen Schaffung. Die Zeilen „nackt auf meine Feder spießen / werde ich dein kleines Herz“ sind von einer verstörenden Bildlichkeit, die an Gewalt und Ausbeutung erinnern. Das Herz, als Zentrum der Emotionen und der Seele, wird hier zur Beute des Dichters, der es in seinem Werk darstellt und ausstellt. Das „Licht“, das aus dem Herzen fließen soll, ist eine Metapher für die Inspiration, das Wissen, die Kunst, die durch das Opfer des Subjekts entsteht. Dieses Licht „strömend ewig tiefenwärts“ deutet die Unsterblichkeit des Werkes an, die durch die Zerbrechung des „Herzens“ ermöglicht wird.
Die letzten vier Verse kulminieren in der vollständigen Auflösung von Subjekt und Künstler. „Schüren wirst du ihre Glut, / daß du meine Fackel wirst“. Hier wird das Subjekt zum Brennstoff für die künstlerische Flamme, zur Fackel des Dichters. Die gemeinsame Zerstörung von „Feder sowie Herz“ in der „Feuerflut“ symbolisiert die Verschmelzung von Schöpfer und Geschaffenem, die Auflösung aller Grenzen in einem einzigen, alles verzehrenden Schaffensprozess. Das Gedicht zeigt somit eine dunkle Seite der Kunst, in der das Opfer, das Subjekt, letztendlich zur Erlangung der künstlerischen Vollkommenheit unerlässlich ist.
Hier finden sich noch weitere Informationen zu diesem Gedicht und der Seite.
Lizenz und Verwendung
Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.