Das Opfer des Frühlings
1842Sah ich je ein Blau, wie droben Klar und voll den Himmel schmückt? Nicht in Augen, sanft gehoben, Nicht in Veilchen, still gebückt! Leiser scheint der Fluß zu wallen Unter seinem Widerschein, Vögel schweigen, und vor allen Dämmert meine Seele ein.
Doch, es gilt auch eine Feier! Schaut den Lenz im Morgenglanz! Hinter grauer Nebel Schleier Flocht der Jüngling sich den Kranz. Wenn sein Hauch, die Nebel teilend, Ihn zu früh schon halb verriet, Wich er scheu zurück, enteilend In ein dunkleres Gebiet.
Dennoch stehn, ihn zu empfangen, Seine Kinder schon bereit: Rose mit den heißen Wangen, Mandelbaum im weißen Kleid! Veilchen, die des Sommers Brüten Bald erstickt, sie harren auch, Keusche Lorbeern selbst erglühten; Denn sie alle traf sein Hauch.
Nun, mit fast verschämtem Lächeln, Zieht er ein ins schöne Reiche; Ihm die glühnde Stirn zu fächeln, Nahn die Morgenwinde gleich. Doch, ihn selber kühlend, stehlen Sie so viel der holden Glut, Als, die Blumen, die noch fehlen Zu erwecken nötig tut.
Flugs nun auf den leichten Schwingen Eilen sie durch Hain und Tal, Und vor ihren Küssen springen Spröde Knospen ohne Zahl. Jeder Busch, wie sie ihn streifen, Wird zum bunten Blütenstrauß, Und die Wurzeln, die noch steifen, Treiben erstes Grün heraus.
Doch nun löst sich, alle Farben Zu erhöhn und allen Duft, Das verschluckte Licht in Garben Reinen Goldes aus der Luft. Sind das Strahlen? Sind das Sterne, Die der Tag in Flammen schmolz? Alles funkelt, nah und ferne, Berg und Wald, ja Stein und Holz!
Horcht! Vor diesem Glanze fahren Auch die Vögel aus dem Traum, Drin sie still versunken waren, Wieder auf im blauen Raum; Aber dick und rauchend steigen Wolken heißen Dufts empor, Und nun fällt ins dumpfe Schweigen Neu betäubt zurück ihr Chor.
Fürder, immer fürder schreitend, Kommt der Jüngling an den Fluß, Der, sich rings ins Land verbreitend, Alles tränkt, was trinken muß. Aber heute möge dürsten, Was da will, er hält sich an Und versucht, ob er den Fürsten Durch sein Bild nicht fesseln kann.
Denn, wenn dieser, süß betroffen, Hier sich selbst im Spiegel schaut, Krönt sein Blick das leise Hoffen, Dem die Welle still vertraut; Sei er noch so schnell und flüchtig, Jene Lilie wird geweckt, Die, wie keine, keusch und züchtig, Sich in ihren Schoß versteckt.
Und wie sollte er nicht säumen? Sieht er denn sich selber nur? Nicht zugleich, die seinen Träumen Leben gab, die blühnde Flur? Wenn′s ihn auch vorüber triebe An der eignen Huldgestalt, Fesselte ihn doch die Liebe An die Braut mit Allgewalt.
Ach, er zögert wonnetrunken! Aber lange bleibt er nicht In den süßen Rausch versunken, Nein, er wendet das Gesicht! Denn ihm sagt ein innres Stocken, Daß die Götter neidisch sind, Und ihm deucht, mit seinen Locken Spiele schon ein andrer Wind.
Da beschleicht ihn dumpfe Trauer, Ihm erlischt der Wange Rot, Und ihn mahnt ein kalter Schauer An den Tod, den frühen Tod; Doch, von dem durchzuckt, entzittert, Wie von selbst, sein Kranz dem Haar, Der die Ew′gen ihm erbittert, Und sein Fuß zertritt ihn gar.
Plötzlich Stille jetzt! Die Winde Ruhn, wie auf ein Zauberwort, Doch in jedem Frühlingskinde Bebt der Todesschauer fort, Und ein hast′ger Blüten-Regen Macht das duft′ge Opfer voll, Das verhaltnen Fluch in Segen, Haß in Liebe wandeln soll.
Aber nun den stolzen Wipfel Jeder Baum zur Erde neigt, Nun auf hohem Berges-Gipfel Selbst der Kühnste Demut zeigt, Nun erhebt der Jüngling wieder Sanft das Haupt, das er gesenkt, Und ein Ölblatt säuselt nieder, Das versöhnt der Neid ihm schenkt.
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Interpretation
Das Gedicht "Das Opfer des Frühlings" von Friedrich Hebbel beschreibt den Einzug des Frühlings als eine feierliche Zeremonie. Der Frühling wird als ein junger Held personifiziert, der sich in die Welt begibt, um die Natur zu erwecken und zu beleben. Die Natur wird als seine Braut dargestellt, die auf ihn wartet und von seiner Gegenwart verzaubert ist. Das Gedicht zeichnet den Weg des Frühlings durch die Landschaft nach, wie er die Blumen und Bäume zum Blühen bringt und die Vögel aus ihrem Winterschlaf weckt. Doch der Frühling ist sich der Vergänglichkeit bewusst und fürchtet den Neid der Götter. Er zögert, seine Braut zu umarmen, und wirft schließlich seinen Kranz weg, als ein Symbol für die Vergänglichkeit des Lebens. Am Ende des Gedichts findet eine Versöhnung statt. Die Natur beugt sich in Demut vor dem Frühling, und dieser erhebt wieder sein Haupt. Ein Ölblatt, das als Symbol für den Frieden und die Versöhnung steht, fällt herab und versöhnt den Frühling mit dem Neid der Götter. Das Gedicht endet mit einem Gefühl der Hoffnung und der Erneuerung, das den ewigen Kreislauf des Lebens und der Natur widerspiegelt.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Rose mit den heißen Wangen, / Mandelbaum im weißen Kleid!
- Apostrophe
- Ach, er zögert wonnetrunken!
- Bildsprache
- Und ein hast'ger Blüten-Regen / Macht das duft'ge Opfer voll
- Enjambement
- Denn, wenn dieser, süß betroffen, / Hier sich selbst im Spiegel schaut
- Hyperbel
- Alles funkelt, nah und ferne, / Berg und Wald, ja Stein und Holz!
- Kontrast
- Doch ihm sagt ein innres Stocken, / Daß die Götter neidisch sind
- Metapher
- Hinter grauer Nebel Schleier / Flocht der Jüngling sich den Kranz.
- Personifikation
- Leiser scheint der Fluß zu wallen / Unter seinem Widerschein
- Symbolik
- Ölblatt säuselt nieder, / Das versöhnt der Neid ihm schenkt.
- Vergleich
- Wie von selbst, sein Kranz dem Haar