Das öde Haus
1844Tiefab im Tobel liegt ein Haus, Zerfallen nach des Försters Tode, Dort ruh ich manche Stunde aus, Vergraben unter Rank′ und Lode; ′s ist eine Wildnis, wo der Tag Nur halb die schweren Wimper lichtet; Der Felsen tiefe Kluft verdichtet Ergrauter Äste Schattenhag.
Ich horche träumend, wie im Spalt Die schwarzen Fliegen taumelnd summen, Wie Seufzer streifen durch den Wald, Am Strauche irre Käfer brummen; Wenn sich die Abendröte drängt An sickernden Geschiefers Lauge, Dann ist′s als ob ein trübes Auge, Ein rotgeweintes drüber hängt.
Wo an zerrißner Laube Joch Die langen magern Schossen streichen, An wildverwachsner Hecke noch Im Moose Nelkensprossen schleichen, Dort hat vom tröpfelnden Gestein Das dunkle Naß sich durchgesogen, Kreucht um den Buchs in trägen Bogen, Und sinkt am Fenchelstrauche ein.
Das Dach, von Moose überschwellt, Läßt einzle Schober niederragen, Und eine Spinne hat ihr Zelt Im Fensterloche aufgeschlagen; Da hängt, ein Blatt von zartem Flor, Der schillernden Libelle Flügel, Und ihres Panzers goldner Spiegel Ragt kopflos am Gesims hervor.
Zuweilen hat ein Schmetterling Sich gaukelnd in der Schlucht gefangen, Und bleibt sekundenlang am Ring Der kränkelnden Narzisse hangen; Streicht eine Taube durch den Hain, So schweigt am Tobelrand ihr Girren, Man höret nur die Flügel schwirren Und sieht den Schatten am Gestein.
Und auf dem Herde, wo der Schnee Seit Jahren durch den Schlot geflogen, Liegt Aschenmoder feucht und zäh, Von Pilzes Glocken überzogen; Noch hängt am Mauerpflock ein Rest Verwirrten Wergs, das Seil zu spinnen, Wie halbvermorschtes Haar und drinnen Der Schwalbe überjährig Nest.
Und von des Balkens Haken nickt Ein Schellenband an Schnall′ und Riemen, Mit grober Wolle ist gestickt “Diana” auf dem Lederstriemen; Ein Pfeifchen auch vergaß man hier, Als man den Tannensarg geschlossen; Den Mann begrub man, tot geschossen Hat man das alte treue Tier.
Sitz′ ich so einsam am Gesträuch Und hör′ die Maus im Laube schrillen, Das Eichhorn blafft von Zweig zu Zweig, Am Sumpfe läuten Unk′ und Grillen - Wie Schauer überläuft′s mich dann, Als hör′ ich klingeln noch die Schellen, Im Walde die Diana bellen Und pfeifen noch den toten Mann.
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Interpretation
Das Gedicht "Das öde Haus" von Annette von Droste-Hülshoff beschreibt ein verfallenes, verlassenes Haus tief in einem Tal. Die Autorin vermittelt eindringlich die düstere, verwilderte Atmosphäre des Ortes, der nach dem Tod des Försters dem Verfall preisgegeben wurde. Die Natur hat sich das Haus zurückerobert, Ranken und Moose überwuchern es, während im Inneren Spinnweben und Pilze Zeugnis von der langen Verlassenheit ablegen. Die detaillierten Beschreibungen der Verfallserscheinungen und der umgebenden Pflanzen- und Tierwelt schaffen eine bedrückende Stimmung. Die Autorin imaginiert sich die tragische Vorgeschichte des Hauses: Ein Mann wurde erschossen und sein treues Jagdhund Diana danach getötet. Die Erinnerung an diese Ereignisse scheint in der Natur fortzuleben, wie die Autorin meint, noch das Klingeln der Schellen und Bellen der Diana zu hören. Das Gedicht ist ein eindringliches Beispiel für die romantische Motivik des verfallenen Hauses als Sinnbild für Vergänglichkeit, Tod und die Übermacht der Natur über menschliche Zivilisation. Die Autorin verwebt geschickt naturkundliche Beobachtungen mit einer morbiden Imagination, um eine dichte, unheimliche Atmosphäre zu schaffen.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Metapher
- Am Sumpfe läuten Unk′ und Grillen
- Personifikation
- Im Walde die Diana bellen
- Vergleich
- Wie Schauer überläuft′s mich dann