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Das Negerweib

Von

Wo am großen Strom die Sicheln durch das hohe Rohrfeld flirren,
Und im Laub des Zuckerahorns farb′ge Papageyen schwirren,
Sitzt das Negerweib, den Nacken bunt geziert mit Glaskorallen,
Und dem Knäblein auf dem Schooße läßt ein Schlummerlied sie schallen:

Schlaf, o schlaf mein schwarzer Knabe, du zum Jammer mir geboren,
Eh′ zu leben du beginnest, ist dein Leben schon verloren.
Schlaf, o schlaf, verhüllt in Dunkel ruhn dir noch der Zukunft Schrecken;
Nur zu früh aus deinen Träumen wird der Grimm des Herrn dich wecken.

Was die Menschen Freude heißen, wirst du nimmermehr empfinden,
Dort nur fühlt sich′s, wo des Nigers Wellen durch die Flur sich winden.
Nie den Tiger wirst du fällen mit dem Wurf der scharfen Lanzen,
Nie den Reigen deiner Väter zu dem Schlag der Pauke tanzen.

Nein, dein Tag wird sein von Thränen, deine Nacht wird sein voll Klagen.
Wie das Thier des Feldes wirst du stumm das Joch der Weißen tragen,
Wirst das Holz den Weißen fällen und das Rohr den Weißen schneiden,
Die von unserm Marke prassen und in unserm Schweiß sich kleiden.

Kluge Männer sind die Weißen; sie durchfahren kühn die Meere,
Blitzesglut und Schall des Donners schläft in ihrem Jagdgewehre;
Ihre Mühlen, dampfgetrieben, regen sich mit tausend Armen,
Aber ach, bei ihrer Klugheit wohnt in Herzen kein Erbarmen.

Oftmals hört′ ich auch die Stolzen sich mit ihrer Freiheit brüsten,
Wie sie kühn vom Mutterlande losgerissen diese Küsten,
Aber über jenen Edeln, der mit Muth das Wort gesprochen,
Daß die Schwarzen Menschen wären, haben sie den Stab gebrochen.

Süß erklinget ihre Predigt, wie ein Gott für sie gestorben,
Und durch solches Liebesopfer aller Welt das Heil erworben;
Doch wie soll das Wort ich glauben, wohnt es nicht in ihren Seelen?
Ist denn das der Sinn der Liebe, daß sie uns zu Tode quälen?

O du großer Geist, was thaten meines armen Stamms Genossen,
Daß du über uns die Schalen deines Zornes ausgegossen!
Sprich, wann wirst du mild dein Auge aus den Wolken zu uns wenden?
Sprich, o sprich, wann wird der Jammer deiner schwarzen Kinder enden?

Ach, das mag geschehen, wenn der Missisippi rückwärts fließet,
Wenn an hoher Baumwollstaube dunkelblau die Blüte sprießet,
Wenn der Alligator friedlich schlummert bei den Büffelheerden,
Wenn die weißen freien Pflanzer, wenn die Christen Menschen werden.

Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Gedicht: Das Negerweib von Emanuel Geibel

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Das Negerweib“ von Emanuel Geibel ist eine ergreifende Klage über das Schicksal der schwarzen Bevölkerung zur Zeit des Kolonialismus und der Sklaverei. Es ist eingebettet in die Perspektive einer Mutter, die ihrem schlafenden Kind ein Wiegenlied singt, das jedoch weit entfernt von idyllischer Geborgenheit ist. Stattdessen ist es ein Lied der Verzweiflung und der Vorhersage eines Lebens voller Leid, Unterdrückung und Verlust.

Die Mutter zeichnet ein düsteres Bild der Zukunft ihres Kindes. Sie weiß, dass es ein Leben voller Arbeit, Unterdrückung und Entbehrung führen wird, in dem es weder Freude noch Freiheit geben wird. Das Gedicht vergleicht das Schicksal ihres Kindes mit dem der Tiere, die zum Tragen des Jochs der Weißen bestimmt sind. Es ist eine eindringliche Anklage gegen die Ungerechtigkeit der Sklaverei und die Doppelmoral der weißen Gesellschaft. Geibel prangert die Heuchelei an, die sich hinter dem christlichen Glauben verbirgt, indem er die Widersprüchlichkeit zwischen den Predigten über Liebe und Erlösung und der realen Behandlung der Schwarzen durch die Weißen aufzeigt.

Der Autor verwendet eine Reihe von poetischen Bildern, um die Verzweiflung der Mutter zu verstärken. Die Verwendung des Wortes „Schwarz“ in Bezug auf das Kind ist nicht nur eine Beschreibung, sondern auch ein Symbol für die Diskriminierung, die es erleiden wird. Der Kontrast zwischen dem vermeintlichen Fortschritt und der Klugheit der Weißen, dargestellt durch ihre technischen Errungenschaften und ihre Eroberungen, und dem Mangel an Mitgefühl und Erbarmen in ihren Herzen verstärkt die Kritik. Die Mutter fragt nach dem Grund für das Leid ihres Stammes und beschwört eine bessere Zukunft herauf, in der sich die Welt grundlegend verändern muss, damit die Schwarzen ihr Recht auf ein menschenwürdiges Leben erhalten.

Das Gedicht endet mit einer Reihe von hoffnungslosen Bildern, die die Unmöglichkeit einer Veränderung in der aktuellen Gesellschaft verdeutlichen. Die Metaphern, wie das Fließen des Mississippi rückwärts, unterstreichen die Hoffnungslosigkeit der Situation. Die Hoffnung auf ein Ende des Jammers der schwarzen Kinder wird an Bedingungen geknüpft, die in der Realität unerreichbar scheinen. Dadurch wird der hoffnungslose Charakter der Situation zusätzlich hervorgehoben und die Ungerechtigkeit und Grausamkeit der Sklaverei noch deutlicher herausgestellt. Das Gedicht ist somit nicht nur eine Klage, sondern auch eine kritische Auseinandersetzung mit den sozialen Ungerechtigkeiten der Zeit.

Weitere Informationen

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Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.