Das Nackte

Georg Ludwig Weerth

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Kalt bleibt dein Sinn, kalt bleibt dein bestes Streben, Du gleichst dem Wurme, der verlassen wühlt - Beglückt nur, wer ein warmes Menschenleben Mit seinen beiden Armen einst gefühlt! An dessen Herz ein ander Herz geschlagen, An dessen Haupt ein ander Haupt gelehnt, Der von dem Strom der Liebe fortgetragen Zum Meere der Erfüllung sich gesehnt.

Der Strom der Liebe wiegt auf blauen Wellen Vorüber dich an blumenreichem Strand; Die Rose grüßt den stürmischen Gesellen, Ihm nickt die Rebe von der Felsenwand. Doch weiter eilst du, bis gewalt′gen Flusses Der Ozean vor deinen Augen blinkt, Bis jauchzend im Orkane des Genusses Dein Herz vernichtet in die Wogen sinkt.

Das ist die Taufe, draus ein neues Wesen Beglückt entwandelt zu der Sonne Strahl. Zum Liebling hat dich die Natur erlesen, Ein ganzer Mensch warst du zum ersten Mal. Der Augenblick, der Alles dir erschlossen, Er ist′s, er stempelt dich sofort zum Mann; Aus der Umarmung ist dir frisch entsprossen, Worauf die Keuschheit tausend Jahre sann!

Der das Erhabenste zu meißeln dachte, Dem weisen Griechen, ihm gelang es nur: Als ihm der Nacktheit süßer Zauber lachte, Die Fülle der entschleierten Natur. Und wie das Bild, dem Marmor losgewunden, So strahlt der Meister auch durch alle Zeit, Der Göttliches im Menschen nur gefunden Und Sitte nur in reiner Sinnlichkeit.

Das oft geweint mit weinenden Madonnen, Ein Auge, das durchflog der Dome Chor: Es mag sich freudig auch im Glanze sonnen Des Heitern und der Reize frischem Flor. Was bei der Nacht geheimnisvoller Feier Dein Gott, dein Leben und dein Liebstes war: Laß es beseelen Meißel auch und Leier Und sich gestalten nackt und frei und klar.

Zum Schatten wandelt es das beste Leben, Es hat den kühnsten Adler schon gelähmt, Wenn sich die Kraft in ihrem vollsten Streben Erzitternd der Natürlichkeit geschämt. Wie die Natur in ihrer ew′gen Schöne, In edler Nacktheit schimmert nur allein, So mögen ihre Töchter auch und Söhne Nicht fürchten, sinnlich, wie sie sind, zu sein.

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Illustration zu Das Nackte

Interpretation

Das Gedicht "Das Nackte" von Georg Ludwig Weerth handelt von der Bedeutung und der Schönheit der Natürlichkeit und der Liebe im menschlichen Leben. Weerth betont, dass nur wer ein warmes menschliches Leben mit seinen Armen gefühlt hat, wirklich glücklich sein kann. Er beschreibt die Liebe als einen Strom, der einen vorbei an Blumen und Rosen trägt, bis man schließlich im Ozean des Genusses versinkt. Diese Taufe der Liebe führt zu einer Verwandlung und macht einen zu einem ganzen Menschen. Weerth zieht einen Vergleich zur Kunst, insbesondere zur Bildhauerei der Griechen. Er erwähnt, dass der weise Grieche es schaffte, das Erhabene zu meißeln, als ihm der süße Zauber der Nacktheit und die Fülle der entschleierten Natur lachten. So wie das Bild aus dem Marmor gelöst wird, strahlt auch der Meister durch die Zeit, der Göttliches im Menschen gefunden hat und Sitte nur in reiner Sinnlichkeit sieht. Abschließend ermutigt Weerth dazu, sich nicht zu schämen, sinnlich zu sein, wie die Natur in ihrer ewigen Schönheit nur in edler Nacktheit schimmert. Er fordert auf, das Leben nicht zu einem Schatten werden zu lassen und die Kraft nicht zu fürchten, sich der Natürlichkeit zu öffnen. Die Töchter und Söhne der Natur sollen sich nicht davor scheuen, so zu sein, wie sie sind.

Schlüsselwörter

herz natur kalt bleibt streben beglückt dessen ander

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Stilmittel

Alliteration
Nicht fürchten, sinnlich, wie sie sind, zu sein
Metapher
In edler Nacktheit schimmert nur allein
Personifikation
Erzitternd der Natürlichkeit geschämt