Das Musikantendorf
1845Es blinkt ein Dörflein in Böhmens Land, Drin, was da lebendig, ein Musikant; Verkehrte Schwalben, im Lenz entflogen, Sind jetzt im Herbst sie heimgezogen.
Du meinst die Nachtigallen der Welt In Einem Busch hier alle gesellt. Du meinst, es müssen hier tausend Quellen Zu Einem melodischen Strome schwellen.
Horch, lieblich spielt hier im Erdgeschoß Ein Stück zur Geige der Virtuos; Aufs Jahr durchklingt’s der Länder Weite, Glückseliger, dich entzückt’s schon heute!
Doch furchtbar jetzt aus dem Nebenhaus Braust polterndes Paukengewirbel heraus; Dein Ohr, es glich dem Knappen im Schachte, Auf den ein Bergsturz zusammenkrachte!
Horch, drüben flötet’s so süß und rein, Und wiegt in gaukelnde Träume dich ein, Doch hier der Trompeten Schmettern und Krachen Sorgt für dein zeitliches Wiedererwachen.
Horch, Mädchenstimmen so lieblich und hehr, Dein Ohr durchschifft des Wohllauts Meer! Am Brummbaß hat der Nachbar Behagen, Vom Sturm, ach, wird dein Schifflein verschlagen!
Horch, Waldhornklang! Wie herrlich er schallt! Dir säuselt der duftige grüne Wald; Doch dort des Dudelsacks Surren und Summen Dich mahnt’s, daß in Wäldern auch Bären brummen!
Hier flüstert der Guitarren Erguß Von Rosenlauben und heimlichem Kuß; Dort braust aus dem Haus der Klang der Fagotte, Wie von Betrunkenen eine Rotte.
Der übt auf dem Klarinett sich ein, Der will ein Meister am Hackbrett sein; Dort stürzt vom Fenster Posaunenschall nieder, Wie eines Verzweiflers zerschmetterte Glieder.
Jed’ einzelner Ton klingt gut und rein, Doch will kein Einklang Aller gedeihn, Wie die zerhauenen Glieder der Schlangen Sich winden und nie zusammen gelangen.
So heult’s durcheinander und wimmert und dröhnt Und ächzt und schnurrt und pfeift und stöhnt, Als säßen im Chor des Mißlauts Geister, Als wäre Satan Kapellenmeister!
Du fliehst und suchst vor dem Thore Ruh Und fühlst, es dachten die Vogel wie du, Die Schwalben und Störche, die auch entflogen, Weil heim die Musikanten gezogen. –
Doch wenn der Schnee zu schmelzen begann, Dann wallt aus dem Dörflein Weib und Mann, Die wollen ostwärts, die westwärts wandern, Nach Süden die Einen, gen Norden die Andern.
Vereint, was getrennt zu Hause war: Dort drei, hier ein Pärlein, dort eine Schaar, Wie des Wohllauts Geist sie zu Kränzen reihte Und, Blumen gleich, durch die Lande streute!
Das kommt dem Dörflein auch eben recht, Drin musizirt der Lerchen Geschlecht, Frau Schwalbe kommt herbeigeflogen, Herr Storch ist auch wieder eingezogen.
Die Spielleut’ grüßen manch fernes Land, Sind üb’rall willkommen und wohlbekannt, Finden üb’rall offene Ohren und Hände Und schäumende Becher und Beifallsspende.
Da hat jeder Busch seine Nachtigall Und jeder Fels seinen Wasserfall, In allen Wäldern die Vögel singen, Durch alle Thäler die Quellen springen.
Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Interpretation
Das Gedicht "Das Musikantendorf" von Anastasius Grün schildert ein Dorf in Böhmen, in dem alle Bewohner Musiker sind. Im Herbst kehren die "verkehrten Schwalben" (Musikanten) heim und üben eifrig ihr vielfältiges Instrumentarium. Der Erzähler hört durch die Häuserwände einzelne, für sich genommen wohlklingende Töne, doch diese vermögen sich zu einem harmonischen Ganzen nicht zu fügen. Es entsteht ein chaotischer, disharmonischer Klangteppich, der den Erzähler schließlich zur Flucht vor die Tore des Dorfes treibt. Dort trifft er auf Vögel, die seine Flucht teilen. Im Frühling ziehen die Musikanten wieder aus, um in alle Himmelsrichtungen ihr Können zu verbreiten. Nun erklingt die Musik in Einklang und Harmonie, die Zuhörer sind begeistert. Das Dorf bleibt leer zurück, die Schwalben und Störche kehren ein. Das Gedicht beschreibt die Wandlung vom chaotischen Durcheinander zum wohlklingenden Einklang und die Wanderung der Musikanten in die weite Welt.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Horch, lieblich spielt hier im Erdgeschoß
- Hyperbel
- Du meinst, es müssen hier tausend Quellen / Zu Einem melodischen Strome schwellen
- Metapher
- Schaumende Becher und Beifallsspende
- Personifikation
- Frau Schwalbe kommt herbeigeflogen, / Herr Storch ist auch wieder eingezogen
- Vergleich
- Wie des Wohllauts Geist sie zu Kränzen reihte / Und, Blumen gleich, durch die Lande streute